Auch 36 Stunden Verlängerung haben erwartungsgemäß nicht ausgereicht, um zu verhindern, dass sich die Klimaschutzkonferenz COP27 im ägyptischen Badeort Sharm el-Sheikh am Ende nicht rat- und hilflos vor der Gretchenfrage aller Politik wiederfand: Wer soll am Ende die Rechnung bezahlen für all die dringend notwendigen Maßnahmen?

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung". 
- © Luiza Puiu

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

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Die Antwort auf diese Frage ist deshalb von überragender Bedeutung, weil enorme Summen aufgewendet werden müssen, um zum einen, die fortschreitende Klimaerwärmung durch rasche De-Fossilierung zu begrenzen, und zum anderen, bereits eingetretene und eintretende Schäden zu kompensieren. Ein UNO-Report kommt zu dem Schluss, dass jährliche Zahlungen von 2,4 Billionen US-Dollar an ärmere Staaten (China ausgenommen) bis 2030 nötig wären, um die Klimaerwärmung erfolgreich zu bekämpfen. Das übersteigt die jährlich 100 Milliarden US-Dollar um ein Vielfaches, zu denen sich die reichen Staaten 2009 verflichtet hatten (und bis dato nie zur Gänze geleistet wurden).

So gesehen fällt es schwer, das Ergebnis von Sharm el-Sheikh als Erfolg zu bezeichnen, nur weil sich die 200 Teilnehmerstaaten im allerletzten Verhandlungsmarathon auf einen neuen Fonds geeinigt haben, der zur Unterstützung ärmerer Staaten eingerichtet werden soll. Schließlich scheiterten die Staaten an der mindestens so wichtigen Frage, wer diesen Fonds mit wie viel Geld tatsächlich befüllen soll.

Die Frage ist alles andere als trivial. China wie auch die meisten anderen Staaten, denen es in den vergangenen 30 Jahren gelungen ist, sich vom Status eines Schwelllenlands zu mehr oder weniger wohlhabenden Nationen emporzuarbeiten, haben ganz generell wenig Lust und Anreiz, sich kollektiven Verpflichtungen zu unterwerfen. Entsprechend setzen sie auch bei Zahlungsverpflichtungen auf eigene  Strategien, um damit nationale Interessenspolitik zu betreiben.

Noch ist die Staatenwelt also nicht so weit, dass sie bereit wäre, nationale geopolitische Interessen hintanzustellen, um eine gemeinsame Kraftanstrengung wie den Kampf gegen die globale Erwärmung mit der nötigen Entschlossenheit anzugehen. Auch Klimaschutz ist deshalb nicht mehr nur, aber eben immer noch auch ein Mittel zum Zweck, um relative Vorteile im Wettbewerb um Macht und Einfluss zu erzielen - oder um dabei zumindest Nachteile zu vermeiden.

Wer halbwegs illusionslos auf die bestehenden Verhältnisse blickt, den kann diese Erkenntnis nicht wirklich überraschen. So war es bisher und so wird es offensichtlich noch eine ganze Weile bleiben. Wer tatsächlich anderes erwartet hat, der muss sich heute der Träumerei bezichtigen.

Das macht Fortschritte beim Klimaschutz nicht unmöglich, nur sehr viel komplexer, als sie ohnehin schon sind; und es hilft bei der Unterscheidung von politischen Sonntagsreden und tatsächlichem Verhalten. Europa muss das akzeptieren und in seine Strategie einbeziehen. Es gibt mächtige Konkurrenz zu unserem Blick auf die Welt. Nationale wie geopolitische Interessen lassen nur kleine Fortschritte zu.