Am Montag werden in Österreich keine Züge fahren. "Wegen der gescheiterten KV-Verhandlungen hat die Gewerkschaft vida alle Eisenbahnverkehrsunternehmen morgen zum Streik von 0-24 Uhr aufgerufen. Bitte nutzt andere Verkehrsmittel oder bleibt, wenn möglich, zuhause." So formulierten es die ÖBB am Sonntag via Twitter (mitsamt dem auf Social Media üblichen Du).

Walter Hämmerle. 
- © Luiza Puiu

Walter Hämmerle.

- © Luiza Puiu

Die extra verlängerten Gespräche zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaft waren zuvor erst gar nicht mehr aufgenommen worden, zu weit lagen die Positionen auseinander. Dabei boten die Arbeitgeber zum Schluss ein Lohnplus von durchaus beachtlichen 8,44 Prozent; die Einigung der Metaller liegt darunter. Allerdings ist es bei der Vielzahl von Sonder-Regeungen, Einmalzahlungen und sonstigen Detailfragen nicht ganz leicht, als Außenstehender den Überblick über die Substanz von Forderungen und Gegenangeboten zu behalten, zumal ja auch der Staat angesichts der Teuerung etliche und bisweilen üppige Förderungen an Menschen wie Unternehmen ausschüttet.

Für ÖBB-Chef Andreas Matthä handelt es sich um einen "mutwilligen Streik", wenig überraschend sieht es die Gewerkschaft vida genau andersherum. Der eskalierende Arbeitskonflikt kommt zu einem heiklen Zeitpunkt. Seit Jahren weiten die ÖBB mit erheblichen öffentlichen Zuschüssen ihr Angebot aus, auch an der Preisfront wird mit dem Klimaticket viel investiert, um immer mehr Verkehrsteilnehmer zum Umstieg auf die Schiene zu bewegen. Das ist auch dringend notwendig, will Österreich seinen Rückstand bei der Erfüllung der Klimaziele verringern. Dafür ist auch Verlässlichkeit und Pünktlichkeit als Verkehrsanbieter erforderlich. Hier verfügen die ÖBB, anders als etwa die chaotische Deutsche Bahn, über ein intaktes Image bei ihren Kunden. Und mit seinem Ruf sollte sich kein Unternehmen spielen.

Umgekehrt sieht die Gewerkschaft diese Gemengelage offenbar als günstig an, um deutlich mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen für ihre Mitglieder herauszuholen. Für den Moment verfügen sie über einen guten Hebel: Die Inflation ist enorm, es fehlt an Arbeitskräften – und das Geld kommt ohnehin zu einem wesentlichen Teil "vom Staat", genauer gesagt von den Steuerzahlern, in anderen Worten: von uns allen.

Das macht die Frage der öffentlichen Akzeptanz dieses Streiks umso wichtiger. Je stärker die Kampfmaßnahmen in einem Arbeitskonflikt die Allgemeinheit berühren, desto größer ist in der Regel ihre Verhandlungsmacht. Entsprechend groß ist jene der Eisenbahner. Allerdings ist jede Eskalation immer eine Gratwanderung.

Auch Gewerkschaften sind, jedenfalls früher oder später, auf die Unterstützung der öffentlichen Meinung für ihre Anliegen angewiesen. Bei Unternehmen und Branchen, die zu einem Großteil auf Steuermittel angewiesen sind, gilt das umso mehr. Hinzu kommt, dass es sich bei den ÖBB um ein zentrales Vehikel für die Umsetzung des Klimaschutzes handelt.

All das macht die Macht der Beschäftigten mit Sicherheit nicht kleiner. Es ist aber auch geeignet, den Ärger der Menschen anzustacheln, wenn sie das Gefühl haben, ein Konflikt wird auf ihrem Rücken und auf ihre Kosten ausgetragen. So ärgerlich es für alle Betroffenen auch ist: Der montägliche Streik ist im wenig streikfreudigen Österreich für sich genommen noch kein Beinbruch. Aber die Beteiligten sollten dafür sorgen, dass er nicht zur Gewohnheit wird. Das bedeutet auch: Die Lasten in einer für alle schwierigen Zeit nicht nur auf einer Seite abzuladen.