Der Warnstreik der Eisenbahner am Montag ist diskursiv vor allem auf seine Zulässigkeit abgeklopft worden: Dürfen s’ denn des? Es ist zweifellos eine legitime Debatte, doch man kann den Streik auch als Tatsache zur Kenntnis nehmen und als Symptom einer neuen Marktsituation verstehen.

Sicher, die Eisenbahner sind gewerkschaftlich gut organisiert, und ein Ausstand ist vergleichsweise leichter durchsetzbar. Doch auch im Handel, so berichtet die Gewerkschaft, gebe es Streikbeschlüsse in mehr als 300 Unternehmen. Das sollte man schon ernst nehmen, denn es ist auch Ausdruck dafür, dass der Arbeitsmarkt zu einem Verkäufermarkt gedreht hat.

Das Wehklagen über einen akuten Personalmangel, das sich vor der Pandemie nur auf Fachkräfte und auch bei diesen nur auf einige Branchen und Regionen erstreckt hat, ist aus so gut wie allen Bereichen lautstark zu vernehmen. Und die Konsequenzen sind auch spürbar: Gasthäuser sperren zu, Öffnungszeiten von Geschäften werden eingeschränkt, der Fahrplan im öffentlichen Verkehr wird ausgedünnt.

Die Frage ist aber, wie nachhaltig das ist. Denn die nackten Zahlen sind nicht ganz so eindeutig. Österreich verfügt nämlich nicht über weniger Arbeitskräfte als früher, vielmehr waren noch nie so viele Personen unselbständig beschäftigt wie jetzt. Die Zahl der offenen Stellen ist aber bedeutend höher als in den Jahren vor der Pandemie. Doch es ist nicht ganz ausgemacht, ob sich hinter diesen Zahlen nicht auch Disparitäten verbergen, die sich in absehbarer Zeit wieder ins Gleichgewicht bewegen werden. So hat sich nach der EU-Osterweiterung die Zahl der ausländischen Unionsbürger in Österreich in relativ kurzer Zeit verdreifacht. Einigen Branchen ermöglichte dies eine deutliche Ausweitung der Beschäftigung. Wessen Geschäftsmodell aber primär auf günstigen Arbeitskräften fußt, hat nun ein Problem und könnte wieder vom Markt verschwinden. Dadurch würden wieder Arbeitskräfte frei werden.

Sollte dieser Effekt aber nur gering sein und sich die Knappheit der Arbeitskräfte manifestieren, und das ist möglich, dann wird ein völlig neues Denken einsetzen müssen.

Was sich bisher auf wenige Branchen beschränkte, in denen das Personalangebot begrenzt war und die Löhne deshalb hoch waren, könnte sich auf weite Bereiche des Arbeitsmarkts ausbreiten. Das würde eine Machtverschiebung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern bedeuten, wie sie Österreich seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt hat. Wie entwickeln sich in einem Verkäufermarkt die Reallöhne? Und die Managerlöhne? Und welche Branchen werden eine fundamentale Marktbereinigung erleben? Der für viele irritierende Streik am Montag könnte der Vorbote einer Zäsur sein.