Mir schmecken keine Oliven. Mit so einem Satz lässt sich eine Meinung äußern. Sie hat für niemanden außer die Sprecherin Konsequenzen, fordert zu keiner Handlung auf. In der Echokammer der Sozialen Netze wird daraus schnell die Satzkette: Wir mögen keine Oliven. Oliven kann man nicht essen. Oliven sind ungenießbar. Und schon ist aus einer geschmäcklerischen Meinung eine scheinbar absolute Wahrheit, zumindest aber eine Beurteilung geworden. Diese beinhaltet immer schon ein (oft moralisch wertendes) Urteil, einen Appell, eine Warnung an andere. Esst keine Oliven, sie sind nicht genießbar! Würde so eine Behauptung sich in digitalen Bestätigungsblasen unwidersprochen aufschaukeln, kämen vielleicht schnell auch Oliven-Liebhaber auf den Gedanken, dass es besser wäre, die steinigen Früchte künftig nicht mehr zu essen.

Judith Belfkih ist stellvertretende Chefredakteurin der "Wiener Zeitung".

Judith Belfkih ist stellvertretende Chefredakteurin der "Wiener Zeitung".

Meinungsäußerung ist ein hohes Gut, das sich freie Geister nicht unblutig erkämpft haben. Sie wussten: Was gesagt werden darf, was gesagt wird, formt die Wirklichkeit. Laut ausgesprochene (auch unbequeme) Wahrheiten haben Macht. Worte sind nie nur Worte, sie gestalten die Welt. Und das leider auch, wenn es sich bei den Worten gar nicht um Wahrheiten handelt.

Im Augenblick muss die Meinungsfreiheit einiges aushalten. Sie wird zum Feigenblatt dafür, Desinformationen zu streuen und demokratiepolitisch bedenkliche Entwicklungen zu legitimieren. Die Haltung des hemdsärmeligen Das-wird-man-doch-noch-sagen-Dürfen, die durchaus im Recht auf freie Rede fußt, wendet sich gegen deren einst aufklärerischen Kern.

Das funktioniert in Zeiten der Hyperindividualisierung besonders gut. Da wird persönliche Meinung schnell zur Beurteilung, wird die subjektive Sicht auf die Welt allzu schnell zum geltenden Gesetz, wird aus dem Ich schnell ein Wir, ein Man. Was früher ein Problem der verrauchten Echokammer Stammtisch war und dort als irre Einzelmeinung auch schnell eingefangen werden konnte, bekommt verstärkt durch die ungefilterten digitalen Megafone plötzlich eine Weltbühne, wird scheinbar mehrheitsfähig.

Jetzt sind die Oliven ein noch relativ harmloses Beispiel. Auch nicht absolut, denn ein kollektiver Boykott der Olive könnte immerhin ganze Wirtschaftszweige lahmlegen. Brandgefährlich wird es, wenn die Sätze am Anfang der Meinung-Fakten-Kette andere sind: Diese Wahlen sind manipuliert. Oder: Es war nicht alles schlecht bei den Nazis. Das wird man doch noch sagen dürfen! Die Macht solcher nur scheinbar Meinungsäußerungen, die starke moralische Urteile und noch stärkere konkrete Aufforderungen in sich tragen, erleben wir beinahe täglich.

Elon Musk zeigt auf Twitter gerade, was passiert, wenn jede Meinung erlaubt und damit jede noch so bedenkliche Aufforderung möglich ist. Die selbstregulierende Schwarmklugheit, die noch abstruseste Stammtisch-Äußerungen einzufangen vermochte, sie greift als Regulativ nicht mehr in Sozialen Medien. Zu groß sind die bestätigenden Echokammern, die aus Meinung Fakten machen.

Dass die EU nun angekündigt hat, Twitter genau zu beobachten und gegebenenfalls in Europa zu sperren, sollten gewisse digitale Spielregeln nicht beachtet werden: Nicht nur Elon Musk wird das als Zensur der Meinungsfreiheit anprangern – und das zustimmende Echo wird laut sein.