"Alle Bücher über Revolution beginnen mit einem Kapitel, in dem über die Fäulnis der zerfallenen Macht oder das Leiden des Volkes die Rede ist. Dabei sollten sie eher mit einem Kapitel Psychologie beginnen, das davon handelt, wie ein gepeinigter furchtsamer Mensch unversehens seine Angst ablegt und Mut fasst." Diese weisen Sätze finden sich im 1982 erschienenen Buch "Schah-in-shah", das von der islamischen Revolution im Iran erzählt. Geschrieben hat sie die polnische Reporterlegende Ryszard Kapuscinski.

Vor rund 100 Tagen haben die Menschen im Iran begonnen, ihre Angst abzulegen und Mut zu fassen. Sie gingen auf die Straße, zuerst Hunderte, dann Tausende und schließlich schwappte eine riesige Protestwelle über das ganze Land. 102 Tage. So viel Zeit ist seit dem Tod der 22-jährigen Mahsa Amini in Polizeigewahrsam vergangen. Amini ist vom Gascht-e Erschad festgenommen worden, weil sie nach Meinung der Sittenpolizisten den Hidschab (Kopftuch) nicht korrekt getragen haben soll. Die iranische Journalistin Niloofar Hamedi brachte den Fall von Mahsa Amini an die Öffentlichkeit. Hamedi wurde einige Tage nach ihrem Bericht ohne offizielle Anklage ins berüchtigte Evin-Gefängnis gebracht und sitzt dort in Isolationshaft. Seit dem Tod von Mahsa Amini stehen die Zeichen im Iran auf Zeitenwende. Aber ist das, was im Iran passiert, schon eine Revolution?

Seit Jahrzehnten brodelt es, die Menschen sind längst nicht mehr bereit, Unterdrückung und Gängelung durch das Mullah-Regimes noch viel länger zu erdulden: Im Mai 2009 rollte nach Wahlbetrugsvorwürfen eine Protestwelle ("Die Grüne Welle") übers Land. 2017, 2018 und 2019 gab es große, landesweite Proteste.

Doch dieses Mal ist die Basis der Demonstranten besonders breit und es sind die Frauen, die die Protestbewegung unter dem Slogan "Zan, Zendegi, Azadi - Frau, Leben, Freiheit" anführen.

Ryszard Kapuscinski beschreibt in seinem "Schah-in-schah" den revolutionären Moment: Ein Demonstrant weigert sich, den Befehlen eines Polizisten Folge zu leisten. "Der Mann hat aufgehört, Angst zu haben - genau das markiert präzise den Beginn der Revolution."

Die Mullahs sind 1979 durch eine Revolution und den Sturz des Schah unter der Führung von Ayatollah Ruhollah Khomeini an die Macht gekommen. Die Revolutionäre von früher sind die Unterdrücker von heute. Sie kennen die Dynamik solcher eruptiven politischen Ereignisse und plötzlich sind sie es, die Angst haben müssen. Denn obwohl das Regime alle Register eines autoritären Polizeistaates zieht, weichen die Menschen - und vor allem die Frauen - nicht mehr zurück.

Das Ende der Angst ist der Beginn der Freiheit.