Zeitenwende. Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat diesen Begriff Anfang Dezember zum "Wort des Jahres" gekürt. Nun, da nur mehr wenige Tage des Jahres 2022 verbleiben, lohnt es sich, über die Zeitenwende zu reflektieren. Der deutsche Kanzler Olaf Scholz hat diesen Begriff in der Debatte zum Zeitgeschehen populär gemacht. Und tatsächlich: Wenn das Jahr der Wende 1989 die Wendezeit markierte, so steht 2022 für Zeitenwende.

1989, mon amour - dieses annus mirabilis war wie ein Versprechen: ein Versprechen für die Überwindung von Blockkonflikt und Kaltem Krieg, ein Versprechen für ein Leben in Freiheit und Würde - auch für die Menschen in Osteuropa und der UdSSR.

Wladimir Putins Angriffskrieg auf breiter Front gegen die Ukraine hat diese Ära, die mit dem Mauerfall, dem Verschwinden des Eisernen Vorhangs und dem Zerfall der Sowjetunion begann, ein Ende gesetzt.

Der Kreml hat die Welt in eine Epoche eines neuen Kalten Krieges gestürzt, doch noch immer scheinen sich in Europa und den USA die Menschen ungläubig die Augen zu reiben und nicht fassen zu können, was da am 24. Februar 2022 passiert ist. Erst langsam beginnt es zu dämmern: Es kommen härtere Tage, um es mit Ingeborg Bachmann zu sagen.

Putin hat vorgeführt, dass ein großer Krieg wieder denkbar ist: Und mit seinem nuklearen Säbelrasseln gibt er der Angst vor einer unkontrollierten nuklearen Proliferation Nahrung. Denn auch wenn Putins Russland den Krieg gegen die Ukraine nicht gewinnen kann, so kann das atomar bewaffnete Russland ihn nicht verlieren. Der Iran, Nordkorea und andere höchst gefährliche Akteure werden davon Notiz nehmen, eine Reihe von weiteren Playern könnte nachziehen. Putin hat dafür gesorgt, dass die Welt ein sehr viel gefährlicherer Ort geworden ist: Spasibo!

Aber Putin hat zugleich den Russinnen und Russen ihre Zukunft verbaut: Das Land hat seinen wichtigsten Exportmarkt für Energie (die EU) und den Zugang zu Hochtechnologie verloren, die Kontakte zum Westen erkalten, junge Menschen haben das Land in Scharen verlassen. Putin ist zum russischen Polit-Punk geworden. Sein Slogan: No Future.

Anders in der Ukraine: Denn so schrecklich der Krieg für die Menschen zwischen Lwiw und Charkiw ist, immerhin trägt sie die Hoffnung, dass sich ihr Land auf Europa-Kurs befindet und dass nach dem Joch der KPdSU und moskautreuer Präsidenten und nach der Dominanz der Oligarchen ein politisches System entsteht, das ein Leben in Würde verspricht.

Dennoch: 2022 wird als annus horribilis in die Geschichtsbücher eingehen.