Israel erlebt dieser Tage eine interessante Machtprobe, deren Ausgang für das künftige Gesicht des Staates entscheidend sein könnte. Immer öfter - und vor allem: immer offener - versuchen ultra-orthodoxe Juden teils mit Gewalt eine radikale Geschlechtertrennung im öffentlichen Leben durchzusetzen: getrennte Gehsteige, Verbannung der Frauen auf die hinteren Sitzreihen in öffentlichen Bussen, Ächtung von aufreizender Kleidung und so weiter.

Nun hat Staatspräsident Shimon Peres zum Widerstand gegen diese Unterwanderung der liberalen Rechtsordnung aufgerufen: Die gesamte Nation müsse zusammenstehen, um eine Mehrheit aus den Händen einer Minderheit zu befreien. Peres hat leicht reden. Der ehemalige Sozialdemokrat ist, anders als der konservative Premier Benjamin Netanyahu, nicht auf die Unterstützung der religiösen Parteien für sein politisches Überleben angewiesen.

Die Sorge um den Vormarsch religiöser Fanatiker fügt sich vor dem Hintergrund der Islamisierung der arabischen Revolutionen in ein beängstigend stimmiges Bild, dessen Kernaussage darin besteht, dass einmal erworbene Freiheiten, seien sie gesellschaftlicher oder politischer Natur, niemals unumkehrbar sind.

Ein allgemeingültiges Rezept, einen solchen Rückschritt zu verhindern, gibt es nicht. Es braucht die politischen Freiheiten, um den Machtanspruch der Religionen zu unterbinden; gleichzeitig haben Religionen immer wieder eine wesentliche Rolle im Kampf gegen Diktatoren gespielt (falls sie nicht selbst auf der falschen Seite der Geschichte standen, was öfter vorgekommen ist, als der Religion lieb sein kann).

Säkularismus und Glaube sind, auch wenn es seltsam klingen mag, mehr aufeinander angewiesen, als beiden in stillen Stunden wohl lieb sein wird. Indem der weltliche Staat den Religionen ausreichend Raum zur Entfaltung zugesteht, stärkt er seine internen Abwehrkräfte gegen Bestrebungen, das Recht auf Freiheit und Unversehrtheit des Einzelnen zu beschneiden.

Der säkulare Staat wiederum, indem er jeden Machtanspruch einer oder mehrerer Religionen im Keim erstickt, trägt auf diese Weise dazu bei, den jedem Glauben innewohnenden Totalitarismus im Zaum zu halten.

Das klingt in der Theorie wunderbar, ist in der Praxis allerdings mit erheblichen Mühen und Rückschlägen verbunden.