Chefredakteur Reinhard Göweil.
Chefredakteur Reinhard Göweil.

Europa ist in der Ukraine eine Überraschung geglückt. Die Reise der Außenminister Deutschlands, Frankreichs und Polens mitten in die Krise hinein hat wohl auch Russland am falschen Fuß erwischt. Dass die Gewalt am Maidan beendet wurde, ist wohl auch der Präsenz der drei Außenminister in Kiew zu verdanken.

Die drei Länder bilden das sogenannte "Weimarer Dreieck", eine 1991 unter dem Eindruck des implodierten "Ostblocks" ins Leben gerufene diplomatische Vereinigung. Sie sollte beide Welten Europas zusammenführen, für Deutschland und Polen war es überdies ein Symbol für die endgültige Überwindung des Überfalls von Hitler-Deutschland auf das Nachbarland. Die damaligen Außenminister Genscher, Dumas und Kubiszewski trafen sich dazu in Weimar.

Nicht erst seit der Vorstellung in Kiew wird in Brüssel damit gerechnet, dass dieses "Weimarer Dreieck" künftig in Europa eine deutlich stärkere Rolle spielen wird - ja sogar die bisherige deutsch-französische Achse ablösen könnte. Polen ist mit 38,5 Millionen Einwohnern eines der größten EU-Länder und kam besser als andere Staaten der Region durch die Krise. Beim Wirtschaftswachstum ist Polen in der EU vorne mit dabei. Polen ist Nato-Mitglied und steht dem großrussischen Treiben Wladimir Putins kritisch gegenüber - auch wegen der langen gemeinsamen Grenze mit der Ukraine.

Wenn dieses "Weimarer Dreieck" auch nach der EU-Wahl so aktiv bleibt, würden sich auch in der EU Machtverhältnisse verschieben. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass Polen eines der höchsten Ämter in Brüssel (nicht nur in der EU, sondern auch in der Nato) erhält. Mit Unterstützung von Deutschland und Frankreich würde Polen zudem wohl die Führungsrolle unter den neuen EU-Mitgliedern endgültig übernehmen.

Gerade Deutschland bemüht sich in der jetzigen Regierung um eine engere Anbindung Polens an die "EU-Kernzone".

Bei der Ukraine hat dies funktioniert. Nun muss Polen allerdings noch beweisen, dass es der Regierung nicht alleine um die Eindämmung russischer Hegemonialbestrebungen geht, sondern dass das große Land auch bereit ist, die EU voranzubringen. Und das wird sich nicht bei diplomatischen Sondereinsätzen zeigen, sondern bei der wirtschaftspolitischen Integration. Dazu würde freilich der Euro-Beitritt des selbstbewussten Landes gehören.