Chefredakteur Reinhard Göweil.
Chefredakteur Reinhard Göweil.

Die Inflation in der Eurozone ist auf 0,5 Prozent gefallen, das bedeutet de facto eine Deflation, also eine Phase sinkender Preise. Denn übliche Rabatte sind in die offiziellen Inflationsindizes nicht voll eingerechnet. Während am Höhepunkt der Krise die Angst vor einer Hyper-Inflation umging, steht Europa nun vor dem gegenteiligen Problem. Und das ist mindestens so gefährlich, weswegen die Europäische Zentralbank am Donnerstag auch mit "schwerer Artillerie" auffahren wird.

Sinkende Preise führen zu einer Spirale ins Bodenlose. Die Konsumenten halten sich bei Käufen zurück - in der Erwartung, dass Waren und Dienstleistungen noch billiger werden. Das führt zu sinkenden Auftragsbeständen in der Industrie, zu Werksschließungen und zum Abwürgen des ohnehin sehr fragilen Konjunkturaufschwungs in Europa. Besonders gefährlich sind sinkende Preise bei Immobilien. Wenn Häuserpreise sinken, versuchen Kreditnehmer ihre Schulden darauf zu reduzieren: Verfügbares Geld wird in die Kreditrückzahlung statt in den Konsum investiert. Auch dies ruiniert die Wirtschaft. Am Ende könnte eine Depression stehen - und die hochverschuldeten Euroländer könnten wenig dagegenhalten. Aktien und andere Finanzwerte verlören an Wert, mit desaströsen Auswirkungen etwa auf Pensionskassen.

Die Regierungen in Europa haben bisher auf diese Entwicklung nicht reagiert - ein fataler Fehler. Umso alarmierter ist die EZB. Sie dürfte das bei ihr geparkte Geld von Banken ab Donnerstag mit einem "Negativzins" bestrafen. Dadurch sollen die Banken animiert werden, Geld abzuziehen und die Kreditvergabe an die Wirtschaft zu verstärken. Die Reduzierung des Leitzinses nahe null und ein Bekenntnis von EZB-Präsident Mario Draghi, dass dies lange so bleiben wird, sollte zu einer Abwertung des Euro führen. Dadurch würden Importe in die Eurozone teurer - und die Inflation zöge wieder an.

Es ist zu hoffen, dass die kommenden Maßnahmen der EZB den gewünschten Effekt erzielen werden. Denn die einfallslose Sparpolitik der EU-Länder verschärfte den Weg Richtung Deflation noch. Hinter sinkenden Preisen lugt aber bereits die nächste Wirtschaftskrise hervor. Und die könnte sich Europa nicht leisten, weder demokratie- noch sozialpolitisch. Die EZB und ihr Chef Draghi werden also die Eurozone noch einmal retten müssen.