Um Österreich, dieses wunderbare Land mit einigen seltsamen Eigenschaften, wirklich zu verstehen, kann es hilfreich sein, einen Blick auf die näheren Umstände seiner Entstehung zu werfen. Dazu bieten sich die kommenden Tage und Wochen an: Der Republik stehen etliche runde Gedenktage und Jubiläen ins Haus, wurden doch im April vor 70 Jahren die Eckpfeiler für die Wiederauferstehung eines selbständigen Österreichs eingeschlagen.

Bezeichnenderweise beginnt die "Stunde Null" nicht mit der Unabhängigkeitserklärung der Republik durch die Provisorische Staatsregierung am 27. April, sondern mit der Wieder- beziehungsweise Neugründung der beiden großen Parteien. Die SPÖ machte am 14. April im "Roten Salon" im Wiener Rathaus den Anfang, die ÖVP folgte am 17. April im Schottenhof.

Den Startschuss für den demokratischen Neuanfang setzten allerdings nicht die Parteien, sondern der ÖGB. Am 13. April - dem letzten Tag mit Kampfhandlungen in Wien, in anderen Teilen des Landes dauerte der Krieg noch an - erfolgte die Initiative zur Gründung eines überparteilichen Gewerkschaftsbundes.

Mehr muss man eigentlich gar nicht wissen, um den Stellenwert und das Selbstverständnis der hiesigen Sozialpartner und Parteien zu verstehen. Sie standen an der Wiege der Republik - 1918 wie 1945; sie haben sich die Verfassung auf den Leib geschneidert; und sie haben sich nicht selbst auf Politik und Wirtschaft beschränkt, sondern - am Höhepunkt ihres Einflusses - die heimische Zivilgesellschaft mit einem dichten Netzwerk an Vorfeld- und Teilorganisationen bis in den letzten Winkel überzogen.

70 Jahre nach ihrer Wiederauferstehung stehen SPÖ und ÖVP samt Sozialpartnern noch immer im Zentrum des politischen Geschehens in Österreich. Diese Bilanz wird nur durch die wesentliche Kleinigkeit getrübt, dass sich die politischen Einflussmöglichkeiten dank Globalisierung und Europäisierung massiv eingeengt haben. Und vor allem: Aus den einstigen Schutzbefohlenen sind durchaus selbstbewusste Bürger geworden - nicht selten in einem konfliktgeladenen Abnabelungsprozess von "denen da oben".

Das ist keine schlechte Bilanz für alle Beteiligten, aber erst die nächsten Jahre werden zeigen, ob SPÖ und ÖVP die Anpassung an die neuen Zeiten gelingt. Dass diese Frage noch immer einer Antwort harrt, ist ein schlechtes Zeichen.