Boris Johnson dürfte aufgeatmet haben. Martin Schulz, der Präsident des EU-Parlaments, war einer der Ersten auf der anderen Seite des Kanals, der die Zusammensetzung der neuen britischen Regierung scharf kritisierte. Einen größeren Gefallen hätte Schulz der egozentrischen Ich-AG nicht bereiten können: Kritik aus Brüssel ist für Johnson und alle Brexiteers das höchste Lob. Dass seine Berufung zum Außenminister auch in anderen EU-Hauptstädten für Irritationen sorgte - sein Kollege in Paris nannte ihn unverhohlen einen Lügner -, wird Johnson nicht schmerzen. Im Gegenteil: Die größte Strafe wäre simple Nichtbeachtung. Politiker vom Typ Johnsons brauchen Aufmerksamkeit wie ein Süchtiger das nächste High; ohne diese Droge ist ihnen keine politische Existenz möglich.

Die neue britische Premierministerin Theresa May wird sich hinsichtlich Johnson keinen Illusionen hingeben, aber sie konnte nicht beide Köpfe der "Leave"-Kampagne in die Wüste schicken. Vor die Wahl gestellt, entweder den strategisch denkenden Überzeugungstäter Ex-Justizminister Michael Gove oder den impulsgetriebenen Spieler Johnson in ihr Team zu holen, entschied sie sich für den Exzentriker mit Wuschelkopf. Und auch das nur für das Amt des Außenministers. Die Herkulesaufgabe, die Verhandlungen über den Austritt aus der EU zu führen, vertraute May einem Verhandlungsprofi, David Davies, an, der direkt ihr unterstellt ist.

May muss nun nicht nur als Premierministerin das Verhältnis Großbritanniens zur EU neu austarieren und dabei die Nachteile so gering wie möglich halten, sondern auch die Gräben in der Konservativen Partei überwinden und diese für die nächsten Wahlen neu aufstellen, die regulär 2020 anstehen. Johnson, an dem die Medien zu beidseitigem Vorteil einen Narren gefressen haben, dabei als freischwebendes Irrlicht in ihrem Rücken zu wissen, schien May ein unkalkulierbares Risiko. Also versucht sie, ihn einzubinden. Womöglich verleiden dem Spieler ja die faden Kollegen vom Kontinent mit ihren diplomatischen Gepflogenheiten und endlosen Sitzungen die Lust am Spielen. Falls nicht, läuft May Gefahr, sich eine "unguided Missile" in die Regierung geholt zu haben.

In Großbritannien findet gerade ein Experiment am offenen Körper der repräsentativen Demokratie statt, das ganz Europa - und Österreich besonders - ganz genau beobachten sollte.