Die Zahlen sind zweifellos beeindruckend: Fast eine Milliarde Euro Umsatz, knapp 4000 Mitarbeiter und neun von zehn Österreichern nutzen täglich das Angebot (behauptet jedenfalls eine selbst in Auftrag gegebene Studie). Kein Wunder, dass der ORF als größte Medienorgel des Landes gilt. Das will sagen: Wer hier in die Tasten greift, den hört man bis in die letzten Winkel.

Aber Zahlen vermögen die Wirklichkeit nicht mehr abzubilden. Unternehmen mit wenigen tausend Mitarbeitern, die noch nie schwarze Zahlen geschrieben haben, aber über eine digitale Geschäftsidee verfügen, können locker den Wert eines Industriekonzerns mit zehntausenden Mitarbeitern und Seriengewinnen übertreffen. Und das um ein Vielfaches.

Auf kaum einem Gebiet findet dieser Umbruch so radikal statt wie in der Medienbranche. So ungefähr müssen sich die Kopisten in den Schreibstuben der mittelalterlichen Klöster gefühlt haben, als Gutenberg den modernen Buchdruck erfunden hat. Die klassischen Medien schreiben und senden nach wie vor - und das oft in besserer Qualität als je zuvor. Auch gehört und gelesen werden sie noch immer. Nur ihr Einfluss hat sich dramatisch verringert. Und das Vertrauen der Bürger in ihre Arbeit ebenso. Es ist, über die gesamte Branche betrachtet, an einem Tiefpunkt. Diesbezüglich sitzen Medien und Politik tatsächlich in einem Boot. Die Bürger lassen sich nicht mehr vorschreiben, was sie zu denken, zu glauben und zu wählen haben. Alternative Stimmen gibt es ja dank Internet zuhauf, Filter exklusive. Schöne neue Infowelt.

Womöglich ist der ORF also doch nicht so groß und einflussreich, wie er selbst und die ihn stets misstrauisch beobachtende, mitunter heftig umgarnende und nicht selten begehrend bedrängende Politik glauben möchten. Die etablierten Medien machen keine Kanzler und stürzen diese auch nicht. Und trotzdem füllen sie eine Rolle aus, die außer ihnen niemand zu leisten vermag. Sie helfen, einer ansonsten kakofonen politischen Debatte Struktur und Orientierungspunkte zu geben, und zwar national, regional und lokal. Und sie bereiten das Chaos der Welt "draußen" für ihre Nutzer auf und machen es verständlich.

Enorm wichtig für die Bürger und das größere Ganze, aber nicht entscheidend für den eigenen Erfolg: Das sollte die Geisteshaltung sein, mit der die Parteien Medienpolitik machen. Die Realität sieht auch hier anders aus.