Walter Hämmerle

Es ist kein leichtes Unterfangen, ein aufgeklärter Mensch zu sein. Schon gar nicht in unseren verwirrenden Zeiten. Da trifft es sich günstig, dass soeben das diesjährige Forum Alpbach begonnen hat, das sich dem Thema "Neue Aufklärung 2.0" widmet.

Einerseits predigen wir das Recht jedes Einzelnen, sein Leben im Rahmen der bestehenden Rechtsordnung möglichst frei von allen gesellschaftlichen Zwängen zu leben. Das ist kein kleiner Fortschritt im Vergleich zu vergangenen Zeiten.

Andererseits ist ein unverkennbarer Trend festzustellen, etliche Bereiche der persönlichen Lebensführung rechtlich zu normieren, die zuvor der Privatsphäre zugeschlagen waren. Dazu gehören Anleitungen zum gesunden Lebenswandel ebenso wie Vorgaben zur Verhinderung von Benachteiligungen jeglicher Art und Leitlinien für das eigene modische Erscheinungsbild. Und das alles im Namen der Aufklärung.

Jede dieser Einschränkungen des Freiheitspostulats mag im Einzelnen wunderbar schlüssig argumentiert sein. Und womöglich ist der gesellschaftliche Nutzen, sei er nun volkswirtschaftlicher, sicherheitstechnischer oder moralischer Natur, ja auch tatsächlich über den Verlust an persönlicher Autonomie zu stellen. Das Problem ist nur, dass zuerst das eine und dann wiederum das genaue Gegenteil unter dem Schlagwort der Aufklärung von der Politik propagiert wird. Da kann man schon die Orientierung verlieren.

Dabei ist das Widersprüchliche seit jeher Teil der Aufklärung, was sich vor allem in der Rolle des Staates widerspiegelt. Zum einen wurde der Staat darauf verpflichtet, die angeborenen Menschenrechte wie das Recht auf Leben, Freiheit und Eigentum und in den USA sogar das Streben nach Glück zu schützen. Zum anderen markieren genau diese individuellen Rechte die Grenzen der Staatsgewalt. Wie diese Balance im Detail genau ausschaut, muss jede Generation für sich selbst definieren: bei der Äußerung radikaler Meinungen, bei der Verhüllung des weiblichen Körpers, bei der Ausstellung religiöser Symbole, bei der Gestaltung der privaten und wirtschaftlichen Beziehungen und ganz generell beim Ausleben devianten Verhaltens.

Dass wir derzeit dabei im Zweifel verlässlich auf einen stärkeren Staat setzen, sagt eigentlich alles über unsere Zeit und unser Verständnis von Aufklärung aus.