- © Luiza Puiu
© Luiza Puiu

314 Jahre. So lange hat es gedauert, bis eine Frau den Leitartikel dieser Zeitung schreibt. Heute ist es so weit. Es sollte keine große Sache sein. Schließlich haben wir das Jahr 2017. Dennoch ist sie es. Die ganze kommende Woche wird eine große Sache werden. Leider.

Denn zum ersten Mal schreiben in dieser Zeitung nicht nur die Redakteurinnen die Leitartikel, sondern auch die Gastkommentatoren, Interviewpartner und zitierten Experten werden verstärkt weiblich sein.

Anlass ist der 8. März, der Internationale Frauentag. In der Regel ist er jenes kleine Zeitfenster, in dem eine Ausgabe lang das Ungleichgewicht der Welt auf ein paar pinken Seiten balanciert wird. Ein bisschen Alibi-Symbolik da, ein paar beherzte Gleichberechtigungsplädoyers dort.

Nicht dieses Jahr. Heuer wollen wir mehr als nur ein Zeichen setzen. Es soll der Startschuss sein für einen Perspektivenwechsel. Wir wollen den Beweis antreten, dass ein Commitment zu mehr Diversität umgesetzt werden kann. Es soll keine dahingesagte Floskel jener bleiben, die sich gerne als progressive Vordenker gerieren, es sich im Alltag aber in wohltradierten Rollenmustern kuschelig gemacht haben.

Als Medienvertreterinnen haben wir das Privileg und die Verantwortung, den Status quo permanent zu hinterfragen. Dazu gehört es auch, Dogmen zu identifizieren und zu brechen - angefangen bei unseren eigenen. Dass wir in Zukunft Fragen wie "Kann die aktuelle Entwicklung in der Wirtschaftspolitik eine von uns kommentieren?" mit einem eindeutigen Ja beantworten. Dass wir stärker intervenieren, wenn uns auffällt, dass seitenweise wieder nur weiße alte Männer in Anzügen die Bildästhetik der Zeitungen dominieren. Und dass wir genauer hinschauen in die zweite, dritte und vierte Reihe von Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien. Und jene sichtbar machen, von denen es immer heißt, dass man angeblich händeringend nach ihnen sucht, sie aber nicht findet. Jene kompetenten Frauen, kompetenten "Migranten" und sonstige, denen man lieber Tage, Bälle und Paraden schenkt, anstatt sie sichtbar zu machen und ihnen dauerhaft einen Platz einzuräumen - und zwar dort, wo sie etwas zu sagen haben: in der ersten Reihe. Denn sie sind da.

Wir müssen nur genauer hinsehen. Und wir werden es. Denn es ist 2017, und die Welt besteht aus viel mehr als weißen Männern in Anzügen.