Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass die USA ein Land voller Optimisten sind - vor allem, wenn man die US-Bürger mit den Europäern vergleicht. Der französische Philosoph Alexis de Tocqueville wurde im 19. Jahrhundert über den großen Teich entsandt, um das politische System der USA zu studieren. Fasziniert kam er zurück: In den USA herrsche der Glaube, dass der Mensch perfektionierbar sei, dass "alle Amerikaner die Gesellschaft als Konstrukt sehen, das einem ständigen Zustand der Verbesserung unterliegt", berichtete er.

Als der nunmehrige US-Präsident Donald Trump im Wahlkampf eine blühende Wirtschaft versprach, war es für viele Wähler gar nicht notwendig, die Details zu kennen. Für sie war es nur wichtig zu wissen: "He will fix it." Viele verschlossen Augen und Ohren, wenn Trump laut über Folter oder Atombomben nachdachte oder die Nato in Frage stellte.

So kam es, dass, während in Europa die Menschen nach Trumps Wahlsieg zum Riechsalz griffen, die US-Märkte euphorisch nach oben schossen. Sämtliche Wirtschaftsindikatoren, die auf Gefühlen und Hoffnung basieren, verbesserten sich automatisch. In einem System selbsterfüllender Prophezeiungen beflügelt allein der Glaube zumindest in Ansätzen die tatsächliche Wirtschaftslage - noch dazu, wo Trumps Vorgänger den soliden Boden bereitet hat. Die aktuellen US-Arbeitsmarktdaten sind noch viel besser als erwartet. Allein im Februar entstanden 298.000 neue Jobs, ein Drittel mehr, als Experten im Vorfeld prognostiziert hatten.

Mit solch starken Daten gilt eine weitere Zinserhöhung durch die US-Notenbank Fed kommende Woche als so gut wie sicher. Ihr europäischer Gegenpart, die EZB, hält hingegen ihre Zinsen weiterhin bei null, wie sie diese Woche bekräftigt hat. Denn: Wirkliche Anzeichen für einen Aufwärtstrend sieht EZB-Chef Mario Draghi nicht. Währenddessen schleicht sich in Investmentkreisen in den USA allmählich Ernüchterung ein. Es wäre wirklich wichtig, dass Trump die eine oder andere wirtschaftliche Maßnahme trifft, statt auf Twitter Streit zu suchen, meint etwa der prominente Ökonom Byron Wien von Blackstone Investment Management. Er glaubt nicht mehr daran, dass sich die US-Wirtschaft so stark entwickeln wird, wie er noch vor zwei Monaten gedacht hat.

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