Thomas Seifert.
Thomas Seifert.

Vom Dichter und Dramatiker Friedrich Hebbel stammt der Satz: "Dies Österreich ist eine kleine Welt, in der die große ihre Probe hält." Und tatsächlich: Bei der Präsidentenwahl in Österreich wurden im April 2016 die Kandidaten der bisherigen Volksparteien deklassiert. Bei der ersten Runde der Präsidentenwahlen in Frankreich war es ebenso: Der Kandidat der Parti Socialiste, Benoît Hamon, erhielt nicht einmal sieben Prozent der Stimmen, der Kandidat der konservativen Partei Les Républicains, der skandalbelastete François Fillon, kam zwar auf rund 20 Prozent – aber das reicht auch nicht für den Einzug in die Stichwahl.

Denn am 7. Mai werden der proeuropäische Zentrist Emmanuel Macron und die Antieuropäerin Marine Le Pen von der rechtsradikalen Front National auf dem Stimmzettel stehen – ein Erdbeben. Über 60 Jahre lang waren bei den französischen Präsidentenwahlen Sozialisten oder Konservative im der zweiten Runde vertreten.

Le Pen wurde von vielen Wählern und auch einigen Medien in diesem Wahlkampf – anders als ihr Vater Jean-Marie Le Pen 2002 – als "normal" wahrgenommen. Der Skandal der illegalen Parteienfinanzierung konnte ihr ebenso wenig anhaben wie die Tatsache, dass sich in ihrem Umfeld echte Hardcore-Neonazis tummeln.

Jean-Marie Le Pen, der aus seiner Neonazi-Gesinnung kein Geheimnis machte, kam damals, im Jahr 2002 übrigens auf rund 17 Prozent, die rechtsextreme Tochter Marine wird rund sieben Prozentpunkte über diesem Ergebnis liegen. Ihre Stimmen sammelte sie vor allem im deindustrialisierten Osten des Landes, in dem viele Modernisierungsverlierer genug von den etablierten Parteien haben sowie im von Einwanderung geprägten Süden, wo ihr Stammthema "Migrations-Stopp" verfing.

Emmanuel Macron werden nun die größten Chancen zugetraut, der nächste französische Präsident zu werden: Sein Programm ist eines der Reformen, sein pro-europäischer Kurs wirkt beruhigend auf die EU-Partner. Der Euro lag kurz nach dem Bekanntwerden der ersten Ergebnisse auf dem höchsten Stand seit vier Wochen. Die Wahl Macrons wäre ein wichtiges Signal für Europa. Denn sollte auch bei den deutschen Bundestagswahlen im September die rechtsdemagogische AfD so bescheiden wie prognostiziert abschneiden, dann wäre der Vormarsch der Rechtsextremisten und -demagogen auf dem Kontinent vorerst gestoppt.

Macron wäre zudem so etwas wie eine Antithese zu Brexit, Trump & Co.: Ein intelligenter Mann, der vor literarischen Zitaten in seinen Reden nicht zurückschreckt und den düsteren Dystopien der Rechtsdemagogen Zukunftshoffnung und Aufbruchsstimmung entgegensetzt. Man darf darauf hoffen, dass am 7. Mai der Cordon sanitaire gegen Le Pen hält: Die Sozialisten und Fillion haben bereits ihre Unterstützung für Macron ausgesprochen. Macrons Wahlsieg am 7. Mai würde bedeuten, dass von Paris ein Zeichen der Renaissance der Mitte ausgeht.