Wie viel Egoismus und wie viele Gemeinsamkeiten braucht eine Gesellschaft, damit das Zusammenleben halbwegs funktioniert? Das ist eine, vielleicht sogar die Kernfrage allen Politischen. Oder anders gefragt: Wie viel "ich" verträgt unser "wir"? Der zweideutig eindeutige SPÖ-Wahlslogan "Ich hol mir, was mir zusteht", der gerade rauf und runter diskutiert wird, versucht darauf eine immerhin ehrliche Antwort.

Dass das "Ich" in dieser Debatte der öffentlichen Moral schlechte Karten hat, ist eine der Seltsamkeiten unserer Politik. "Ich" darf hier nicht laut gesagt werden. Wahrscheinlich wegen akuten Neoliberalismusverdachts und Verstoßes gegen das allgemeine Solidaritätsgebot. Oder so ähnlich. Dabei war wohl noch keine Gegenwart eindeutiger ich-bezogen und weniger gemeinschaftlich orientiert als die unsrige.

Für die Politik bleibt das "ich" trotzdem tabu, es sei denn, es ist dem "wir" in der öffentlichen Rede eindeutig zu- und vor allem untergeordnet. Das ist einigermaßen unehrlich, um nicht zu sagen: verlogen. Nicht nur, weil natürlich Eigeninteressen von Parteien ganz selbstverständlich vertreten werden, und zwar keineswegs ausschließlich anwaltschaftlich. Sondern weil das Heraustreten des Einzelnen aus der Masse ein Fortschritt in jeder erdenklichen Hinsicht darstellt, also kulturell, wirtschaftlich, politisch und eben auch sozial. Die Geschichte der westlichen Kultur lässt sich nur als Geschichte der Individualisierung erzählen.

Diese verhältnismäßig geradlinige Entwicklung kennt natürlich auch Schattenseiten und - ziemlich sicher - auch eine Grenze für das Immer-weiter-so. Von daher ist es tatsächlich vorstellbar, dass die lange Geschichte der Vereinzelung ja nun tatsächlich an ihr Ende gekommen sein könnte. Denkbar wäre es. Wahrscheinlich ist es jedoch nicht, zumindest lassen sich für eine solche Behauptung keine Belege in der Wirklichkeit finden.

Zwar arbeiten kluge Maschinen ohne Unterbrechung daran, uns Einzelne wieder auf ökonomisch verwertbare Massenware zurückzuführen, aber eben noch immer unter der Vorspiegelung einer weiteren Individualisierung. Am Ende wird noch das größte Massenprodukt auf jeden ganz persönlich zugeschnitten sein.

Die Beziehung zwischen dem "Ich" und dem "Wir" ist komplizierter, als uns die politisierte Moral glauben machen will.