Thomas Seifert.
Thomas Seifert.

Die jüngste Geschichte des Katalonien-Streits ist die Geschichte einer sich immer schneller drehenden Eskalationsspirale. Das jüngste Kapitel: Am Freitag hat zuerst das Regionalparlament Kataloniens in Barcelona die Unabhängigkeit erklärt - woraufhin der Senat in Madrid mit 214 zu 47 Stimmen für die "nukleare Option" gestimmt hat. Die Unabhängigkeitserklärung aus Barcelona hatte ohnehin nur symbolischen Wert, weil die spanische Verfassung eine Sezession eines Landesteils nicht zulässt, jede Abstimmung darüber ist daher nach spanischem Recht ungültig. Und mit der "nuklearen Option" des Artikels 155 der spanischen Verfassung, der die Provinz Katalonien unter spanische Direktverwaltung durch die Zentralregierung in Madrid stellt, ist das Problem auch nicht gelöst. Der spanische Premier Mariano Rajoy wird durch diesen Verfassungsartikel zwar in die Lage versetzt, in Barcelona durchzugreifen: Rajoy kann nun Neuwahlen in der Provinz ausrufen, unliebsame Lokalpolitiker entlassen und die örtliche Polizei unter Madrids Kuratel stellen.

Kataloniens Präsident Carles Puigdemont und Spaniens Premier Rajoy haben den Katalonien-Karren mit ihrer Arroganz und ihrer Dialogverweigerung jedenfalls mit aller Wucht gegen die Wand gefahren: Spanien steckt in der tiefsten Krise seit dem Jahr 1978, als das Land nach den bleiernen Jahrzehnten der Franco-Herrschaft wieder zu einer Demokratie wurde. Manche wiederum erinnern an den Putschversuch des Jahres 1981 gegen den ersten frei gewählten Ministerpräsidenten Adolfo Suárez - der damalige Putschversuch kollabierte allerdings rasch; die Katalonien-Krise wird weiterschwelen.

Am beunruhigendsten an diesem Konflikt ist die völlige Weigerung des spanischen Premiers, in einen Dialog mit der katalanischen Regionalregierung einzutreten. Und das in einem Land, das eigentlich stolz auf die Maxime "hablando se entiende la gente" ist - auf gut Österreichisch: "Beim Reden kommen die Leut’ z’samm." In Abwandlung eines Filmtitels des großen spanischen Filmemachers Pedro Almodóvar wäre das Gebot der Stunde für Rajoy gewesen: Sprich mit ihm. Doch das ist nicht geschehen.

Die EU hat sich bisher zurückgehalten. Es wird Zeit, dass vernunftbegabte Politiker auf die Starrköpfe in Madrid und Barcelona einwirken. Denn die Krise in Europas fünftgrößter Volkswirtschaft geht alle Europäer an.