Die wenigsten Politiker von Rang und Namen der vergangenen Jahrzehnte hatten die Gabe oder Gnade, zum richtigen Zeitpunkt abzutreten. Manche mussten -
im übertragenen Sinne - sogar getragen werden, so fest klammerten sie sich an ihren Platz. Und bei den allerwenigsten beschlich einen als Beobachter das Gefühl, dass der Abgang zu früh erfolgte, dass da noch etwas kommen hätte können.

Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".
Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Bei Matthias Strolz, der mit einer Gruppe Geistesverwandter aus der Schnittmenge von ÖVP, Grünen und den Resten des Liberalen Forums 2012 Neos gründete, konnte man dieses Gefühl haben.

Allerdings hatte er selbst offenbar nicht mehr dieses Gefühl. Zu Recht. Das Wahlergebnis vom Herbst 2017 hat zwar die Etablierung der Neos als bundespolitische Kraft bestätigt, sie aber im Bund ohne machtpolitische Perspektive zurückgelassen.

Bis 2020, die wohl nächste Gelegenheit, um dies zu ändern, wollte Strolz nicht warten. Sein Traum von Politik war aufs Gestalten fokussiert, am liebsten als Bildungsminister. Zum Kettenhund, der der Regierung auf ewig auf die Finger schaut, sah er weder sich noch seine Partei berufen. Dass er zuletzt trotzdem die Fahnen der Opposition im Nationalrat hochhielt, sagt daher vor allem etwas über den Zustand der SPÖ und der Liste Pilz aus.

Strolz wie die Neos haben die Republik bereichert. Die gewöhnungsbedürftige Rhetorik des 44-jährigen Vorarlbergers - "Ich bin nicht Passagier, ich bin Pilot meines Lebens", deklamierte er am Montag - zeigte keine Scheu vor Pathos; den Mut, sein Inneres nach außen zu kehren, inklusive.

Das trug ihm - was sonst in Österreich? - nicht wenig Spott aus dem politisch-medialen Komplex ein. Doch anders als andere hatte Strolz nur sich selbst der Öffentlichkeit geöffnet und tatsächlich Schutzbedürftige, etwa seine Familie, vor politischer Instrumentalisierung so weit wie möglich geschützt. An seinem Anspruch, Gegner nicht anzupatzen, ist Strolz dagegen mitunter selbst gescheitert.

Ob die Neos auch ohne ihn überlebensfähig sind, ist offen. Zwar steht mit Beate Meinl-Reisinger eine erprobte Nachfolgerin bereit. Auf ihren Schultern ruht aber bereits der kommende Wien-Wahlkampf. Und die (oder der) Neue muss die heikle Balance zwischen Liberalen, Linken und einer Politik des bürgerlichen Hausverstands in der Partei bewahren. Keine leichte Herausforderung in einer Zeit allgegenwärtiger Polarisierung.

Eine Prognose: Kippt Neos gen links, wird die Partei früher oder später das Schicksal des Liberalen Forums ereilen. Ihre Nische muss das in Österreich politisch unbeackerte Feld eines konsequenten Liberalismus sein. Wenn ihnen das in Annäherungen gelingt, haben die Pinken eine Zukunft, auch ohne Matthias Strolz.