Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".
Walter Hämmerle ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung".

Angela Merkels lange, wahrscheinlich sogar zu lange Amtszeit endet im Sturm. Mit der deutschen Langzeitkanzlerin, die am Montag nach einer Serie desaströser Niederlagen ihren schrittweisen Abgang aus der Politik angekündigt hat, wird es eine Reihe weiterer Politiker hinwegfegen.

Der Nächste ist zweifellos Innenminister und CSU-Chef Horst Seehofer. Mit dem Bayern hat sich Merkel seit der Flüchtlingskrise ein so erbittertes wie verbittertes Ringen um den Kurs in der Integrations- und Zuwanderungspolitik geliefert, das in den vergangenen Monaten nicht nur das Bild der Regierung, sondern auch das Verhältnis der beiden Schwesterparteien grundlegend beschädigt hat.

Der Abgang beider wird wohl nur der Auftakt zu weiteren Rochaden in der deutschen Bundesregierung sein. Keineswegs nur in den Reihen der Union. Längst kämpft auch SPD-Vorsitzende und Vizekanzlerin Andrea Nahles um ihr politisches Überleben. Dabei wurde sie erst am 22. April in diesen Schleudersitz gewählt. Doch die SPD wird wie die Union von den Wählern erbarmungslos abgestraft, die Parteilinke mobilisiert längst für den Austritt aus der großen Koalition, für die sich Nahles eingesetzt hat.

Deutschlands Eintritt in ein Interregnum, also in eine Phase unklarer Machtstruktur, fällt darüber hinaus in eine Zeit, in der gerade die Spitzenjobs der Europäischen Union - von der Europäischen Zentralbank über den Ratspräsidenten bis hin zur neuen EU-Kommission nach den EU-Wahlen im kommenden Mai - ausverhandelt werden. Deutschland hat dabei sowohl die Spitze der EZB wie auch der Kommission im Auge.

Beides wird es nicht werden, doch der Anfang vom politischen Ende Merkels verändert die Machtbalance in Europa in einer kritischen Phase. Welcher Kandidat auch immer sich auf Merkels Einfluss verlassen hat, muss jetzt wieder zittern.

Zum prominentesten Opfer der innenpolitischen Krise in Deutschland könnte jedoch Emmanuel Macron werden. Dessen innenpolitische Popularität ist längst überschaubar. Bleiben seine außenpolitischen Ambitionen. Selbst mit Merkel war ein Gutteil der EU-Reformideen des französischen Staatspräsidenten unrealistisch, ohne Merkel geraten diese nun aber gänzlich zu Makulatur.

Merkel investierte einen Großteil ihres politischen Kapitals in den Zusammenhalt und das Zusammenwachsen Europas.

Unabhängig davon, wie man politisch zu ihr stehen mag, wird ihr schrittweiser Abgang nicht nur Deutschland, sondern auch die EU vorübergehend politisch schwächen. Merkels Einstieg in den Ausstieg kommt nicht vor der Zeit, aber mit Sicherheit zur Unzeit. Jetzt ist es an anderen, Europa zusammenzuhalten.