Dringende Änderungen
in der Landwirtschaft

Erstmals kann heuer der österreichische Lebensmittelmarkt nicht bis zur neuen Ernte mit heimischen Erdäpfeln versorgt werden, und es gab vergangene Woche eine Kundgebung am Heldenplatz. Die Interessengemeinschaft Erdäpfelbau und der Niederösterreichische Bauernbund haben uns wissen lassen, dass man heuer Erdäpfel aus Israel und Ägypten importieren wird müssen, auch wenn diese mit Einsatz von Chemie gewachsen sind. Sie verlangen daher Erleichterungen beim Einsatz von giftigen Spritzmitteln. Sie drängen auch darauf, zum Bewässern der Felder im Wein- und im Waldviertel eine Anlage zur Versorgung mit Donauwasser einzurichten; auch die Züchtung neuer Sorten, welche mit den Umständen besser fertigwerden, wird diskutiert.

Dabei sind bereits Regionen bekannt, in welchen aufgrund des Klimawandels alle drei Jahre andere Erdäpfelsorten angebaut werden müssen: Das sagt Elena Chlestkina, Direktorin des Wawilow-Institutes in St. Petersburg, im Interview mit "Terra Mater" (Mai 2019). Dieses Institut ist eine der größten Samenbanken der Welt, es beherbergt unter anderem über 8000 Kartoffelsorten, und seine Mitarbeiter sind hochqualifizierte Spezialisten. Sie "kennen ihre Sorten wie ihre Kinder" und sie können vermutlich auch sagen, wo man für unsere Situation geeignete Sorten beziehen könnte, um sie auch bei uns anzubauen.

Eigentlich bin ich ja überzeugt, dass dies alles bei den zuständigen Wissenschaftern und Beamten in Österreich geübter Routine entspricht, dass entsprechende Kontakte vorhanden sind; deshalb wundere ich mich, dass solche Möglichkeiten nicht zur Sprache kommen. Vielleicht fürchtet der Handel, dass neue, fremde Sorten - auch wenn sie in unserem Land wachsen - vom Konsumenten nicht angenommen werden könnten? Oder man will den Bürgern nicht so deutlich sagen, wie weit die Veränderungen durch den Klimawandel bereits fortgeschritten sind?

Ich denke, dass die Wahrheit den Österreichern zumutbar ist (nach Ingeborg Bachmann) und dass man den Landsleuten in Zukunft noch viel mehr sagen wird müssen. Denn die Probleme werden mittelfristig wachsen, das weiß heute schon jedermann - zumindest im Hinterkopf. Die Notwendigkeit, Änderungen vorzunehmen, die im Alltag spürbar sein werden, liegt auf der Hand, und es sollte nicht der Anschein erweckt werden, dass man von den Ereignissen überrascht wird.