Proteste in Ungarn
und Tschechien

Es war gerade 30 Jahre her, dass der Eiserne Vorhang fiel und die ehemaligen Staaten des Ostblocks feierten, dass sie jetzt frei waren. Frei schon, aber auch nach wie vor arm. Viele Industrien, Landwirtschaften und staatliche Einrichtungen waren heruntergewirtschaftet, veraltet, unbrauchbar. Aber viele der ehemaligen "Vorzeigekommunisten" verwandelten sich über Nacht zu Eigentümern dieser brachliegenden Produktionsstätten. Aus der kommunistischen Raupe wurde ein kapitalistischer Schmetterling. In Russland sind es die Oligarchen, in anderen Staaten neureiche Ex-Kommunisten. Und damit der Staat ihnen zur Hand geht, haben sie auch gleich Politiker postiert, die ihnen ihre Wünsche erfüllten.

Schön langsam hat aber jetzt dort die junge Generation begriffen, wie sie gegängelt wird. Tausende und Abertausende gingen in den vergangenen Wochen auf die Straße und protestieren lautstark gegen "die da oben". In Ungarn gegen Viktor Orbán, in Tschechien gegen Andrej Babiš - den Multimillionär, bei dem sich schon lange viele fragen, wie er zu seinem Vermögen kam. Jetzt kommen bei ihm auch noch Steuerbetrug und die Unterschlagung von EU-Geldern zum Tragen. Mehr als 250.000 protestierten am Wochenende in Prag gegen ihn. Auch in Ungarn protestieren Tausende seit Wochen gegen Orban. Das kann doch nicht Zufall sein!

Franz Schramböck,

4030 Linz

Zum Artikel von Kathrin Lauer,
22. Juni

Einseitige Kritik
an Viktor Orbán

Mit Erstaunen habe ich den Artikel "Das Wort ‚Grenzöffnung‘ hat für Orbán keinen guten Klang" von Kathrin Lauer gelesen. Darin lässt sie den postkommunistischen Politiker Péter Balázs in Personalunion als Ankläger und Richter zu Wort kommen. Seine einseitige Kritik an Ungarns gegenwärtiger Regierung kann allein schon deshalb nicht überraschen, weil er persönlich und unmittelbar von der Schließung seines gegenwärtigen Arbeitgebers (der Central European University) betroffen ist. Bedauerlicherweise unterlässt es die Autorin, auch den Vertreter einer Gegenmeinung zu Wort kommen zu lassen.

In Bezug auf seine Psychoanalyse, welchen "Klang" für Herrn Orbán das Wort "Grenzöffnung" habe, liegt Balázs falsch. Zäune können bekanntlich zwei Funktionen haben: Sie grenzen die Umzäunten ein und/oder sie schützen diese vor Eindringlingen. Nur weil seine Regierung einen Zaun - im Übrigen in Entsprechung seiner EU-rechtlichen Verpflichtung zum effektiven Grenzschutz - errichtet hat, bedeutet es nicht, dass Orbán die Öffnung des Eisernen Vorhangs für die eingesperrten Bürger des Ostblocks nicht weiterhin sehr positiv konnotiert.

Mehr noch, aufgrund seiner ständigen Kritik an der aktuellen, EU-rechtswidrigen und - wegen des Grenzschutzes durch Ungarn - unnötigen Grenzsicherung Österreichs hat der interessierte Beobachter den Eindruck, Orbán würde sich sogar mehr Grenzöffnung wünschen.

Dr. Marc Vecsey,

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Entscheidungen im digitalisierten Zeitalter

Die Digitalisierung durchdringt unaufhaltsam alle Lebensbereiche, ersetzt aber nicht die direkte Kommunikation zwischen Individuen und zwischenmenschliche Beziehungen. Die Digitalisierung kann das Leben vereinfachen, indem vieles automatisiert werden kann. Gerade diese Automatisierung bringt jedoch auch Gefahren mit sich. So wird mitunter immer mehr rationalisiert und kontrolliert, was bislang nicht nötig war. Und die größte Gefahr sehe ich in Algorithmen, die dem bislang aktiven "gesunden Menschenverstand" den Rang ablaufen.

Wenn ein Programm eine Aussage trifft, wird dies von den handelnden Subjekten oft unkritisch befolgt. Unternehmen wie Amazon treffen Personalentscheidungen (wie kolportiert) digitalisiert und vollautomatisch. Was dem Großteil der Bevölkerung fehlt, ist eine Parameterkompetenz, die erkennt, wenn die Software etwas falsch macht oder unmoralische Entscheidungen trifft. Diese Herausforderung gilt es zu meistern.

Peter Engel,

per E-Mail