Was ist eigentlich
ein "Senior"?

Anfang Dezember wurde ich mit zwei Einladungen bedacht: zum Seniorenadvent und zum Seniorensilvester. Übergangslos fiel mir Ähnliches ein: Seniorenturnen, Seniorenresidenz, Seniorensocken (also Selbstanzieher).

Was zum Kuckuck bedeutet "Senior"? Die weiße Welle, eine steife Verbeugung an die Krankenkasse, das schlagartige Gleiten in die Pension, eine zusätzliche Katze oder ein generelles Emblem vertrockneter Jugendlichkeit? Hat der "Senior" eine Uniform, und wie sieht die aus: oben Botox, unten Rollator? Wann tritt diese Befindlichkeit ein, wie findet sie statt, ist sie Verdienst, Beleidigung oder Zwangsbeglückung? Wer rettet uns vor dem Einordnungswillen dieser Gesellschaft? Kamillentee bis Augentrost - das ist alles, dazwischen läuft die Zeit.

Wo beginnt denn der Verfall, wann die Versuchung, den Wissensdurst wie eine abgeschrammte Pflicht fallen zu lassen? Und wann bröckelt die gewohnte Betulichkeit dahin, wo schon der Zeitvertreib lauert, Tarnung für das Gespenst der Inhaltsleere? Wir entscheiden doch, ob wir im Käfig der Gewinne hängenbleiben, ob Erstrebenswertes als Notwendigkeit erkannt wird oder im Hafen verbogener Zufriedenheit landet. Wie hoch müssen wir die Beine heben, um zu leben?

Wohin ich "Senior" mich auch wende, die einzig bezwingende Logik ist, dass wir in jedem Fall für irgendjemanden die Älteren sind. Und das ist, wie schon gesagt, zwischen Fenchel und Haferschleim alles.

Anna Einser,

per E-Mail

Sozialversicherung ab
heuer neu organisiert

Mit dem Silvesterfeuerwerk wurde auch die bestehende Sozialversicherung kraft des türkis-blauen Bundesgesetzblattes in die finstere Nacht hinausgeschossen. Übrig bleiben die rauchenden Trümmer eines der (ehemals) weltbestfunktionierenden Sozialsysteme.

Auch der Hauptverband, der mit dem Vorsitz von Alexander Biach erfolgreichst unterwegs war, einheitliche Leistungsverträge und Tarife bundesweit über alle Träger hinweg zu etablieren, ist zerflossener Schnee von gestern. Bei bislang supergünstig geführten Sozialversicherungsträgern mit einem Verwaltungsaufwand von bloß rund 3 Prozent halten jetzt die neoliberalen Rationalisierungsmethoden Einzug. Versicherte werden zu Kunden umgestuft. Die gesetzlich verankerten Ungleichheiten bleiben aufrecht. Beamte; Landes- und Lehrerfürsorgen; Bauern und Gewerbetreibende; Arbeitnehmer, Arbeitslose; alle haben weiterhin ihre Inseln mit unterschiedlichen Vegetationen und Früchten auf den Bäumen der Kranken-, Pensions- und Unfallversicherung. Keine Spur von gleichlautender Solidarität für alle Bürgerinnen und Bürger.