Haftstrafe für Pussy Riot-Aktivistinnen
Zum Leitartikel von Reinhard Göweil, 18. August

Chefredakteur Göweil hat recht, das Urteil gegen die drei jungen Frauen der Punkband Pussy Riot verstößt gegen die Menschenrechte.
Es in einen Zusammenhang mit der russisch-polnischen Versöhnungserklärung der Kirchen zu stellen, die tatsächlich historischen Charakter trägt (Papst Johannes Paul II. durfte nie nach Russland reisen), ist jedoch an den Haaren herbei gezogen. Derartige Besuche werden, wie staatliche auch, langfristig im Voraus vereinbart und die Erklärungen noch langfristiger ausgehandelt.
Auch die positiven Töne aus Rom, auf die Göweil anspielt, sind mir nicht bekannt. Die katholische Kirche hat, im Gegensatz zur russisch-orthodoxen Kirche, die die geistig-spirituellen Werte des Volkes den Menschenrechten überordnet, die Menschenrechte am Zweiten Vatikanischen Konzil anerkannt und damit das Recht auf Meinungs- und Religionsfreiheit. Sie hat übrigens viel zu ihrer Durchsetzung in den post-kommunistischen Ländern beigetragen. Gleiches gilt heute in Asien und Afrika.
Das Urteil gegen Pussy Riot ist daher aus Sicht der katholischen Kirche inakzeptabel. Offen bleibt die Frage, wie mit der Störung eines Gottesdienstes umzugehen ist, mit einer politischen Demonstration im Kirchenraum, selbst wenn einem diese sympathisch ist und in religiöse Sprache vorgebracht wird. ("Madonna, befreie uns von Putin"). Göweil nennt es geschmacklos. Das scheint mir nicht das richtige Wort.
Aus Gründen der Religionsfreiheit, zu der auch die Kultfreiheit und damit die Ungestörtheit von Gottesdiensten gehört, ist es grundsätzlich nicht vertretbar.
Aus Gründen der öffentlichen Ordnung können nicht Gruppen verschiedenster Provenienz in Kulträume eindringen und dort ihre Parolen verkündigen.
Es handelt sich demnach um einen Grundrechtskonflikt, der wie alle derartigen Konflikte eine Abwägung verlangt, in dem Fall zwischen dem Recht auf Meinungs- und jenem auf Religionsfreiheit. In Österreich wäre in einem solchen Fall aus meiner Sicht ein kirchlicher Protest gegen die Störung des Gottesdienstes am Platz. Punktum.
In Russland ist die politische Lage freilich eine ganz andere. Amnesty hat die Frauen daher zu Recht als Gewissensgefangene eingestuft. Verwunderlich bleibt, dass die russische Orthodoxie, die wie keine andere Kirche im 20. Jahrhundert unter staatlichen Repressionen zu leiden hatte, sich nicht entschiedener für ein mildes Urteil gegen Pussy Riot eingesetzt hat und sich zu unkritisch auf die Seite des Staates beziehungsweise der Politik stellt.