Zum Artikel von Thomas Seifert, 4. September
Die Zukunft Europas und der Nationalstaaten

"Was willst Du mit Österreich, Opa, wir haben doch jetzt Europa." Mit dieser möglichen Aussage späterer Generationen verleiht Robert Menasse im Interview mit Franz Fischler vom 4. September seiner Einschätzung Ausdruck, dass der Nationalstaat in ein paar Jahrzehnten durch eine noch zu entwickelnde europäische Identität passé sein würde. Wie realistisch ist dieser Gedanke? Handelt es sich um eine bloße künstlerische Übertreibung oder um den verständlichen Wunsch, mit dem Ende des Nationalstaates auch populistische und neonationalistische Gefahren zu verbannen?
Zunächst lassen die aktuellen europapolitischen Problemlösungsversuche in der europäischen Staatsschuldenkrise eher darauf schließen, dass so etwas wie eine europäische Solidargemeinschaft nur bedingt existiert und die Entwicklung der Europäischen Union in Form eines suprastaatlichen Gebildes "sui generis" mehr zu einem losen Staatenbund und weniger in Richtung "Europäischer Bundesstaat" beziehungsweise "Vereinigte Staaten von Europa" tendiert: Die Machtverschiebung zugunsten des Europäischen Rats und die geplante zunehmende Fremdbestimmung der südlichen Peripherieländer via Fiskalpakt geben derzeit wenig Hoffnung, dass die bis dato vernachlässigten Integrationsschritte hin zu einer sozialen und politischen Union bald erfolgen werden. Die Einführung der Gemeinschaftswährung wurde mit der Erwartung verknüpft, eine noch zu schaffende europäische Identität zu fördern.
Die Euro-Krise veranschaulicht uns derzeit aber, dass sich die Währungsunion primär an den Bedürfnissen der Finanzmärkte und kaum an jenen der Bürger orientiert und damit Gefahr läuft, die Union als solche zu destabilisieren. Ihre identitätsstiftende Wirkung erscheint in ihrer gegenwärtigen Verfasstheit jedenfalls als purer Zynismus.
Trotzdem ist die Herausbildung einer europäischen Identität bereits Realität: Sie wird, wie von Robert Menasse angesprochen, von der Europa-erfahrenen und -begeisterten jüngeren Generationen bereits gefühlt und als Selbstverständlichkeit erlebt.
Sie wurde durch die neuen Möglichkeiten des Austausches einschließlich der Förderung von Sprachkenntnissen kulturell vermittelt. Die Räume für das Vertraute werden größer und die räumliche Entgrenzung findet nicht nur virtuell via Internet statt. Dass der zwischen regionaler und europäischer Identität angesiedelte Nationalstaat aber künftig obsolet sein wird, erscheint äußerst zweifelhaft: Die Region verfügt nur bedingt über Spielraum für Subsidiarität. Sie ermöglicht zwar Identität in Form der Ursprungszugehörigkeit. Ein Wegfall von nationalen Parlamenten würde aber nicht zuletzt aufgrund der Größendimension Europas, über deren Finalität noch nichts gesagt ist, selbst die glühendsten Europäer überfordern. Auch noch in der übernächsten Generation.
Zudem zeigt die ältere und jüngere Geschichte, dass große politische Systeme, wenn sie zu viel Macht konzentrieren, zur Erosion neigen. Die eben erst neu entstandenen Nationalstaaten in Süd- und Osteuropa zeugen davon, dass Doppelzugehörigkeiten oder -identitäten (analog zum Kanadier oder Hawaiianer, der erklärt: "I am American") kein Problem darstellen. Auch Spekulationen betreffend einen "Trans-Nationalstaat" erscheinen bis dato nur für die internationalen Konzerne als zutreffend. Es ist daher anzunehmen, dass der Nationalstaat, der sein Selbstverständnis auf dem Begriff der Staatsnation im Verständnis der Aufklärung gründet, auch weiterhin seinen festen Platz in einer künftigen politischen Union haben wird.