Der "Sido-Bock" vom Kampf-Tanzboden
Sidos Schlag gegen Dominic Heinzl - nur ein Symptom einer überreizten "Seitenblicke"-Gesellschaft

Wenn der charmante österreichische "Schmäh" zur Wortwaffe wird und die noch so nett gemeinte verbale Provokation mit feuchtem Unterton rüberkommt, dann hört sich für deutsche Bundesbürger, in dem Fall für den Österreich-Freund Sido, der Spaß auf und er rastet in der für ihn als Rapper typischen Art aus. So geschehen backstage im Rahmen der ORF-Sendung "Die große Chance", die dadurch in der finalen Phase zu implodieren droht.

Die sendungsverantwortliche Programmintendantin musste für alle verständlich sofort handeln. Gewalt in welcher Form auch immer zu tolerieren steht nicht zur Diskussion. Trotzdem kommt sie als Programmverantwortliche für dieses Format in die Zwickmühle, wenn das scharfe Format "Chili", durch dessen für seine Provokation bekannten Moderator, ein redaktionell assoziiertes Leit-Abend-Format wie "Die große Chance" bewusst oder unbewusst ab- oder anschießt.
Diese schizophrenen gesellschaftlichen Dramaturgien sind nicht nur für ein Unterhaltungsmedium typisch, sie sind gerade für die Politik hochaktuell und ein bestimmendes Element der österreichischen Seele.
Das Faktum, dass hierzulande Talentzwerge dank ihrer gesellschaftlichen Vernetzung zu medialen Riesen hochstilisiert werden, ach das ist für unsere "Seitenblicke"-Gesellschaft charakteristisch. Ideenlosigkeit und Identitätsfreiheit bestimmen auch großteils das Programm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Auch das ist mitunter der Grund dafür, dass es zu jenen Kollisionen kommt, die im Duell Heinzl vs. Sido ihren dramaturgischen Höhepunkt erreicht haben. Einerseits holt man den Agent Provocateur eines von oben herab betrachteten Privatsenders, um die eigene Quote zu pushen, andererseits begeistert man sich für den einstigen Skandalrapper Sido, um etwas Pfeffer in die faden Formate zu bringen.
Der Boulevard und die assoziierte "Seitenblicke"-Gesellschaft regieren, ebenfalls mit dem ORF im Clinch, auf das aufwendig produzierte "Chili" kritisch. Bereits ab da sollte man erkennen, dass sich bei den Medienmarionetten etwas Dramatisches zusammenbraute. Man wollte aber in bekannter Eitelkeit und im Bewusstsein, ja elitär zu sein, nicht wahr haben, dass es zur Eskalation kommen würde. Auch das ist auf der Insel der Seligen nichts Neues. Besonders im weiten Land der Politik, das hierzulande bekanntermaßen eng mit dem Staatsfunk verbunden ist, haut man einander laufend symbolisch oder verbal in die Goschen.
Also könnte man sagen, der taffe Deutsche Sido hat das getan, was sich viele gedacht haben (siehe Facebook-Beiträge), und musste wie die Kuh vom Kampf-Tanzboden als "Sido-Bock" gehen. Die voyeuristische "Seitenblicke"-Clique, die sich feig in den gleichen Ich-freien Kommentaren ergeht, geriert sich weiter amüsiert in gespielter Ahnungslosigkeit, die sich psychologisch gesehen wie ein sozialisierter Sadismus darstellt. Sadomasochismus wäre der sozialhygienische Status der österreichischen Seele, die auch Sido, wie er immer wieder betont, liebgewonnen hat. Ja, das ist und bleibt Österreich.

Dr. Franz Witzeling,
Psychotherapeut und Soziologe