Im Flaschenhals der Amüsiergesellschaft
Stefan Raab und der schwere Unfall beim "TV Total Turmspringen"

Schneller, toller, extremer im Run um Quoten und dümmer im Wahn, die Menschen mit Gewalt unterhalten zu wollen!

Samuel Kochs Unfall bei "Wetten, dass . . ?" im Dezember 2010 war der Weckruf, dass das geflügelte Wort "Schluss mit lustig!" zum Menetekel einer stetig nach Steigerung fordernden Unterhaltungsindustrie wurde. Thomas Gottschalk, als in mehrerlei Hinsicht Betroffener, war sich dieses Wendepunkts bewusst und zog die Konsequenzen, die auch für seine weitere Karriere nicht ohne Folgen blieben.
Nun erinnert der schwere Unfall des 38-jährigen Schauspielers Stephen Dürr beim Training für Stefan Raabs "TV Total Turmspringen", der mit Lähmungen kämpft, an das tragische Ereignis der "Wetten, dass . . ?"-Sendung vor zwei Jahren. Die Jagd nach sensationellen Formaten hat Raab mit Fleiß und extremem Ehrgeiz auf die Spitze getrieben, nahezu täglich gibt es im Privat-TV Auftritte des Herrn, der sich vom Fleischerlehrling zum Leitformat hochgearbeitet hat.
Stellt man die beiden Persönlichkeitstypen Gottschalk und Raab, abgesehen vom Generationsabstand, der dazwischen liegt, gegenüber, zeigt sich ein eklatanter Kulturunterschied im Umgang und Verständnis, was Unterhaltung bedeutet. Der Kulturwandel in Sachen Unterhaltung ist über die Jahrzehnte rasant fortgeschritten und scheint nun in Formaten, wo ein Gag den andern jagt, einen Tiefpunkt an Banalität erreicht zu haben, da die einst vollen Sofas vor den TV-Geräten bis auf wenige unbelehrbare Couchpotatoes leergefegt sind.
Die ältere Generation, zu der Gottschalk gehört, erinnert sich an klassische Formate, in denen Moderatoren mit Kultstatus wie Hans-Joachim Kulenkampff die Familien vor den TV-Geräten vereinten - so machte Kulenkampff mit niveauvollem Stil, Charme und Spontanität in Witz und Wort das Europaquiz "Einer wird gewinnen" zum Klassiker.
Gerade bei den heutigen, oft aus dem angelsächsischen Raum zugekauften Unterhaltungsformaten steht und fällt der Erfolg oder Misserfolg mit den jeweiligen Moderatoren. Das Bild vom "Flaschenhals einer Amüsier- und Freizeitgesellschaft" bekommt eine zeitaktuelle Bedeutung, wenn man sich im Rennen um Quoten um Kopf und Kragen inszeniert und dabei alles riskiert, auch Leib und Leben.
Und auch in den Medien der Wirtschaft und Politik bestimmt der Mensch, in diesem Fall der Moderator-Typ, wie weit man geht, um alles und alle toppen zu müssen. Gewinnen ist gut; das Gewissen, für ethische Grundsätze bewusst den "Jetzt ist genug"-Buzzer zu betätigen, ist besser. Das sollte man manchen manisch nach Anerkennung heischenden Allround-Entertainern ins Stammbuch schreiben, nicht ohne dabei zu bemerken, dass man persönliche Minderwertigkeit, auch durch noch so gute Quoten nicht kompensieren kann.