Zum Artikel vom Clemens Neuhold, 4. Jänner
Mängel der Bundesheer-Volksbefragung

Die derzeitige öffentliche Debatte zur Volksbefragung "Wehrpflicht oder Berufsheer?" lässt zwei besonders bemerkenswerte Mängel lehrbuchhaft erkennen: eine große Schwäche der repräsentativen Demokratie und die Unfähigkeit, in der Angst, bei finanziellen Veränderungen etwas zu verlieren, Argumente für die Reform nachvollziehen zu können.

Diese Mängel sollten bedacht werden, unabhängig davon, ob oder wie man sich an der Befragung beteiligt.
Abgesehen davon, dass der Nationalrat nicht im Sinne einer anteilsmäßigen Vertretung das Volk demokratisch repräsentiert, besteht das Problem, dass eine nur mittelbar oder nicht betroffene Mehrheit die direkt betroffene Minderheit überstimmen kann.
Im gegebenen Fall ist die Mehrheit der Frauen und der älteren Männer entweder frei vom Wehr- und Zivildienst oder hat ihn schon hinter sich. Unmittelbar betroffen vom Pflichtdienst sind junge Männer.
Das als gerechten Ausgleich vorgebrachte Argument, Frauen leisteten ihren Dienst an der Allgemeinheit, indem sie Kinder gebären und aufziehen, unterschlägt eine Tatsache: Viele Frauen, vor allem Akademikerinnen, haben keine Kinder und werden auch keine haben. Überdies ist es heute freie Entscheidung und kein irgendwie gearteter Zwang, Babys zu bekommen und damit das unvergleichbare Glück bei der Entwicklung von Menschlein zu erleben.
Und was die Kostenfrage angeht: Wenn zuvor gering oder gar nicht bezahlte Leute nach einer Reform für ihre Arbeit entlohnt werden müssen, werden die Dienste teurer; das würde für die Hausarbeit ebenso gelten wie für freiwillige Feuerwehr oder eben auch für den Wehr- und den Zivildienst.
Historisch kann man das an den Beispielen der Bauern- und Leibeigenen-Befreiung überprüfen oder an der Aufhebung der Sklaverei in den USA.
Gleichfalls unberücksichtigt oder falsch verstanden ist das von der Wirtschaftswissenschafterin Gudrun Biffl vorgebrachte Argument, das gegenüber dem Wehr- und Zivildienst teurere Berufsheer trage zum Wirtschaftswachstum bei.
Solange nämlich, und das ist der Fall, das Wirtschaftswachstum am Bruttoinlandsprodukt und dieses in Geld gemessen wird, "wächst" die Wirtschaft mit dem gestiegenen Geldumlauf: Das nominelle Bruttoinlandsprodukt wird definiert als die Gesamtsumme der Bruttoausgaben der Endverbraucher für inländische Leistungen.
Erste Folgerung: In einer "wahren" Demokratie müssten, die von einer Entscheidung unmittelbar Betroffenen, also die jungen Männer, bevorzugt am Entscheidungsprozess beteiligt sein; in der repräsentativen Demokratie sollten "eigentlich" die gewählten Volksvertreter in den Parlamenten entscheiden.
Zweite Folgerung: Gesetzlich verpflichtende oder sonst wie erzwungene, unbezahlte oder gering bezahlte Dienste müssen in einer Gesellschaft, in der zunehmend mehr oder weniger alle Dinge nur gegen Geld zu erhalten sind, als Ausbeutung der Dienstleistenden verstanden werden.