Zum Artikel vom Tobias Käufer, 7. März
Zum Tod von Präsident Hugo Chávez

Venezuelas unsicherer Weg ohne "El Comandante"

Aus dem Volk kam er, als einer vom Volk ging er. Kein anderer lateinamerikanischer Präsident hat die Zukunft des Kontinents in den vergangenen Jahrzehnten so stark geprägt wie Venezuelas Hugo Chávez. Nur verhalten reagiert der Westen nun auf sein plötzlich eingetretenes, jedoch lange von seinen Anhängern befürchtetes Ableben. Für seinen Populismus wurde Chávez wohl von so manchen amerikanischen und europäischen Politikern beneidet, denn eines ist im Lichte der Übertragungen seines Leichenzuges mehr als offensichtlich: Es gibt heute keinen westlichen Politiker, über dessen Tod nur halb so viele Menschen ihre Betroffenheit und Erschütterung so offen zeigen würden, wie das die Venezolaner tun - und das liegt nicht bloß an der lateinamerikanischen Mentalität.
Dass ein Mann, der viermal zum Präsidenten eines der erdölreichsten Länder der Welt gewählt wurde und enge Kontakte zu den größten Feinden Amerikas - wie Kubas Fidel Castro, Libyens Muammar Gaddafi und Irans Mahmud Ahmadinejad - pflegte, nicht zu den Freunden des Westens zählte, scheint logisch. Es war jedoch nicht nur Chávez’ grundverschiedene sozialistische Ideologie, die ihn den Amerikanern vollkommen entfremdete, aber einen zielführenderen Dialog mit der EU durchaus möglich gemacht hätte, wenn sich diese - allein schon aus ökonomischen Interessen - mehr darum bemüht hätte. Seine außenpolitischen "Fauxpas" brachten Chávez in Misskredit. So etwa seine offene Kritik an Israels Palästinenser-Politik und seine unhinterfragte Unterstützung des weißrussischen Diktators Alexander Lukaschenko.
In vielen menschenrechtlichen Angelegenheiten schien Venezuelas "Comandante" tatsächlich von seiner Machtfülle geblendet. Doch könnte man dies nicht auch so manchen Machthabern des "demokratischen" Westens zum Vorwurf machen?
Chávez wusste in seinem eigenen Land und international zu polarisieren und seine Macht zu instrumentalisieren. Seine Fähigkeit, eine Brücke zwischen den gesellschaftlich sehr heterogenen Staaten Lateinamerikas zu schlagen und die Autarkie eines neuen, postkolonialen Lateinamerikas zu befürworten, sollte allerdings auch bei uns höchste Wertschätzung verdienen. Im zerstrittenen Europa könnte man sich da so einiges abschauen, wenngleich ein einfältiger und nationalistischer Populismus à la Silvio Berlusconi dem alten Kontinent mehr schadet als nützt.
Der Tod von Präsident Chávez lässt die Opposition und viele Exil-Venezolaner, die heute zum Großteil in den USA leben, momentan zwar aufjubeln, doch sollte die ungewisse Zukunft Venezuelas eher bedenklich stimmen. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass eine Militärdiktatur, wie es zahlreiche in der Geschichte Lateinamerikas gegeben hat, das Machtvakuum ersetzen wird, welches Chávez nun "seinem" Venezuela hinterlassen hat. Fraglich bleibt nicht nur, wie es innenpolitisch weitergehen wird, sondern auch wie sich Venezuela regional positionieren wird. Und das hat dann wohl oder übel auch die EU zu interessieren.