Zum Leitartikel von Thomas Seifert, 27. Dezember:

Thomas Seifert hat am Phänomen Recep Tayyip Erdogan auch Grundsätzliches aufgezeigt. Der türkische Premier setzte auf nach seinen Erwartungen immerwährendes Wachstum und scheiterte daran, als es abnahm, obwohl doch bekanntermaßen "dafür gesorgt ist, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen" - und auch sonst nichts. Erdogan hielt die Stärke der türkischen Wirtschaft für seine eigene. Als dieser Halt dann versagte, strauchelte auch er.

Mit dem Abnehmen seiner Macht begann er, diese durch Gewalt(tätigkeiten) zu ersetzen, was sich wie stets als kontraproduktiv erwies. Gewaltanwendung ist immer ein Zeichen von Schwäche. Darauf zu verzichten, die Zügel locker zu führen, können sich nur wirklich von innen her souveräne Regenten und Regierungen leisten.

Erdogans Dilemma ist, dass er die Entwicklung nicht mehr stoppen und schon gar nicht quasi zurückdrehen kann. Er agiert zwar weiter (mit Gewalt), aber der Lauf der Dinge ist ihm entglitten. Es ist fast logisch, dass seine Widersacher in dieses Vakuum vorgestoßen sind und seine schwindende Macht weiter aushöhlen werden. Dass er sich trotzdem an sie klammert, gleicht dem Griff nach dem "Leo". Letztlich wird er es aber loslassen und erkennen müssen, dass Panikreaktionen selten zielführend sind.

Christine Preyer,
per E-Mail

Man braucht kein Prophet zu sein, um zu erkennen, dass in der Türkei nicht nur ein politischer, sondern vor allem ein wirtschaftlicher Machtkampf ausgebrochen ist. Die Türkei ist reich an Bodenschätzen, und längst ist ein Wettlauf um diese ausgebrochen. Aus der Geschichte weiß man, dass Großkonzerne nicht davor zurückschrecken ihre Interessen mit allen Mitteln durchzusetzen.

Die Situation ist auch deshalb so schwierig, weil einerseits die USA seit etlichen Jahren versuchen, der EU die Aufnahme der Türkei schmackhaft zu machen, und es andererseits eine Feindschaft zwischen Griechen und Türken gibt, die immer wieder zu Missstimmungen führt.

Auch dadurch, dass der Zwei-Kontinente-Staat wesentlich besser durch die Krise gekommen ist als etwa Griechenland, haben die Türken ein neues Selbstvertrauen gefunden und lassen jetzt ihre Muskeln spielen, in dem Wissen, dass sie in naher Zukunft eine bedeutende Rolle in der Weltwirtschaft spielen können.