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Zur Karikatur vom 15. April

Sehr geehrter Herr Göweil,

lch möchte zum Ausdruck bringen, dass ich die in der Ausgabe Ihrer Zeitung vom 15. April 2016 auf Seite 2 unter dem angeblichen Titel "Satire" veröffentlichte Karikatur, nicht nur mit den Augen eines hierzulande mit der Vertretung seines Landes beauftragten Botschafters für äußerst niveaulos und geschmacklos halte, sondern dies auch mit der Erfahrung mit all denjenigen Kulturen, die ich während meiner 40-jährigen beruflichen Laufbahn von Westen nach Osten kennengelernt habe, so sehe. Ich verspüre eine tiefe Verwunderung und Enttäuschung über diese Veröffentlichung, die ich dem Niveau Ihrer Zeitung, die die Sorge hat, einen intellektuellen Kreis anzusprechen, nicht für angemessen erachte.

Die türkische Fahne, die die Republik Türkei repräsentiert, ist als Symbol der Ehre und Unabhängigkeit unseres Landes ein von jedem Individuum unserer Nation mit Respekt bewahrter, heiliger Wert. Deshalb ist die Verunglimpfung der türkischen Fahne nicht nur eine Beleidigung gegenüber der Republik Türkei in ihrer Gesamtheit, sondern eine darüber hinausgehende, gegen das ganze türkische Volk gerichtete, beleidigende Handlung, die nach Hass und Rassismus riecht.

Wir kommen aus einer Kultur, die auch den Fahnen anderer Staaten Respekt zeigt und können den Unterschied zwischen Presse- und Meinungsfreiheit und der Beleidigung der Werte von Staaten ausmachen.

Der Versuch, diese Beleidigung, die zweifelsohne auch die in Österreich lebende türkische Gesellschaft kränken wird, mit Pressefreiheit, Meinungsfreiheit oder Satireverständnis zu erklären, ist inakzeptabel. Meine Erwartung ist dahingehend, dass Sie gemeinsam mit meinem Brief auch die notwendige Entschuldigung bezüglich der Karikatur, die Sie, wie ich denke, infolge eines schwerwiegenden Verlusts der Vernunft abgedruckt haben, veröffentlichen.

Mehmet Hasan Gögüs,
Botschafter der Republik Türkei

Sehr geehrter Herr Botschafter,
Exzellenz!

Ich beziehe mich auf Ihren Brief vom 18. April dieses Jahres und möchte Ihnen dazu folgendes mitteilen: Die Karikatur ist keine Herabwürdigung der türkischen Fahne, sie bezieht sich unzweifelhaft auf die Vorgänge rund um die aktuelle Diskussion im Fall Jan Böhmermann. Unser redaktionelles Selbstverständnis ist es vielmehr, Herabwürdigungen und Verunglimpfungen zu kritisieren statt sie anzuwenden.

Selbstverständlich werde ich Ihren Brief veröffentlichen.

Auch die Türkei ist Mitglied der Europäischen Menschenrechtskonvention. Diese definiert die Freiheit der Kunst und der Meinungsäußerung sehr klar. Ich finde es betrüblich, dass in Ihrem Brief auf deren Ausübung mit Beleidigungen reagiert wird.

Mit dem gebotenen Respekt möchte ich abschließend noch anmerken, dass es mitteleuropäischen Standards entspricht, Briefe mit Grußworten zu beenden.

Mit freundlichen Grüßen

Reinhard Göweil,
Chefredakteur