Wie weit wollen wir noch gehen? Erst einmal nach Zentralafghanistan, zu den Feierlichkeiten anlässlich der ersten südasiatischen SAARC-Kulturhauptstadt Bamiyan im Sommer 2016. Über 300 Anwesende wurden dort und nirgendwo anders zu Augenzeugen dieser wortlosen wie vielsagenden Aktionskunst. Hier müssen wir vorerst halten, noch weiter zu gehen wäre Kriegsgebiet, denn nur diese Gegend ist die etwas weniger terrorisierte im Vergleich zum Rest des Landes, des Landes im Kriegszustand. Deshalb fühlten sich viele trotz projizierter Grenzen und vom Zaun gebrochenen Borderlines nicht am Rande, sondern geradezu im Herzen des Geschehens.

Geschichte. Trauma. Kunst. Gegenwart. Versöhnung? Das Echo der Besucher

Im Interview berichtet Eva Haxhi, Geschäftsführerin von bunk'ART, vom sich in den hohen Besucherzahlen widerspiegelnden enormen Echo. Als Albanien schon 2014 den Bunker für die Öffentlichkeit für nur zwei Monate entriegelte, strömten 70 000 Besucher in diese triggernde Unterwelt. Dieser und ein zusätzlicher Riesenbunker wurden 2016 geöffnet und durch eigenwillige Kunst dauerhaft zu Leben erweckt, was seitdem für einige weitere Zehntausende nachhaltige Denkanstöße lieferte.

"Eine Möglichkeit, Geschichte und die Vergangenheit eines Landes zu erzählen, ist, sie direkt der Gegenwart gegenüberzustellen", erklärt der Museumskurator Carlo Bollini, und spricht dabei von "the ancient to the modern". "Der jetzige Stand der Gesellschaft kann nur über das Verständnis seiner früheren Geschichte verstanden werden. Meiner Meinung nach bewirken aktuelle Kunst und die von ihr ausgelösten Emotionen einen Kontrast, der hilft, Vergangenes zu entschlüsseln."

Die afghanische Kunsthauptstadt Bamiyan, im völlig toten Winkel der Weltöffentlichkeit gelegen, kann hingegen nicht mehr als von einer handverlesenen Auswahl internationaler Besucher berichten. Die Anreise dorthin am Landweg führt durch Kriegsgebiet, und Flugzeuge gibt es regelmäßig selten. Trotzdem ist an Aussagen von lokalen Besuchern zu erkennen, dass new mediative art auch dort ihren Platz gefunden hat. Und bewirkt, dass Vergangenes mitsamt Gegenwart, Wahnsinn vermengt mit Träumen, mit all der eigentlichen hervorgetriggerten Borderline-Realität versöhnt werden kann. War das Trauma gestern, ist die Kunst heute? Wenn ja, was kommt morgen?

Die borderline Besucherin Marzia Hamdard, Geschäftsstellenleiterin der afghanischen Nili University sagt dazu: "Wir wissen dass Afghanistan ein rückständiges Land ist, und die Gründe hierfür liegen bei Problemen aufgrund mangelnder Sicherheit, Arbeitslosigkeit, Instabilität, allgemeiner Zwietracht und hoher Analphabetenrate. Durch die [borderline-]Ausstellung wird die junge Generation auf Neues aufmerksam und einige der Probleme mögen sich dadurch verringern."

"Neues", was könnte das alles sein? Die Befreiung aus inneren Lebenslügen? Oder vielleicht schlicht gar nichts anderes als das eigene Selbst-Bewusstsein, das Bewusstsein der eigenen gewünschten Identität, jetzt neu mediativ reflektiert? An dieser Stelle ist die Niederschrift eines jungen afghanischen Studenten und borderline-Teilnehmers erwähnenswert. Er fühlte sich nach dem walk on the edge bewogen, seine Empfindungslage als Art Flaschenpost für die auf der anderen Seite festzuhalten - übrigens, sind das jetzt wir? Hier das Zitat im Originaltext: "I as an Afghan invite you to come in Afghanistan and watch our cultures, traditions and nature recreations. I know you don't think positive about Afghanistan always think about terrorism [...]. - Aman Naveed."