Albanien verarbeitet seine belastende Vergangenheit mit markerschütternder Kunst und legt damit auf der internationalen Bühne ein Stück Fundament von new mediative art. Auch Geschichtsaufarbeitung anderer symbolträchtiger Orte könnte darin ihr raffiniertes Vorbild finden.

bunk'ART Albanien: Seit der Eröffnung 2016 strömen mehrere hundert Besucher täglich in die zum Kunstort umgewandelten Bunker. "The opening aroused controversy. There were those who didn't understand its meaning, those who were against its opening and those who refuse to remember their past", berichtet Bollini.
bunk'ART Albanien: Seit der Eröffnung 2016 strömen mehrere hundert Besucher täglich in die zum Kunstort umgewandelten Bunker. "The opening aroused controversy. There were those who didn't understand its meaning, those who were against its opening and those who refuse to remember their past", berichtet Bollini.

Geschichte hat grundsätzlich ein Problem: in der Gegenwart betrachtet fehlt ihr einfach das Salz. Stinklangweilig, fade, einschläfernd, wir kennen das aus dem Unterricht. Nur diejenigen, die von ihr bis auf diesen Tag berührt werden, interessieren sich dafür. Es ist ja ihr Leben. Vielleicht war es ja fast ihr Tod.

Da sind sie also, die zwei Seiten. Hier diejenigen, geprägt von der vergangen geglaubten Geschichte, dort die anderen, nichts anderes im Kopf als J.E.T.Z.T. Geschichte zu schreiben. Früher gegen das Jetzt, Damals gegen das Heute, der intellektuelle Ringkampf schafft sich vor aller Augen immer mehr Spiel-, oder vielmehr Kampf-Raum. Egal wie es ausgeht, egal wer die meisten Federn lassen muss, die Zukunft wird wohl spannend werden.

Traumatische Geschichte aufgearbeitet durch Kunst: Beispiel Albanien

Kunst im aktuellen Kriegskontext Afghanistan, August 2016: Die südasiatische SAARC-Kulturhauptstadt Bamiyan trotzt dem Terror mit der Aufführung der Aktionskunst borderline | the walk on the edge. Bamiyans Ministry of Information and Culture stellt auf seiner offiziellen Facebook Seite dem lokalen Publikum diese Kunst als "Verquickung mit Prinzipien der Mediation vor".
Kunst im aktuellen Kriegskontext Afghanistan, August 2016: Die südasiatische SAARC-Kulturhauptstadt Bamiyan trotzt dem Terror mit der Aufführung der Aktionskunst borderline | the walk on the edge. Bamiyans Ministry of Information and Culture stellt auf seiner offiziellen Facebook Seite dem lokalen Publikum diese Kunst als "Verquickung mit Prinzipien der Mediation vor".

Auf der internationalen Bühne, mitten in diesem Ringen der Intellekte, hat Albanien einen Meilenstein gelegt, der hierzulande Beachtung verdient. Durch eine kluge Art von Kunst, der ich mit dem neuen englischen Begriff new mediative art eine treffende Bezeichnung zuweisen möchte, soll dem Interessierten Meinungsbildung über Vergangenes und vergangen Geglaubtes ermöglicht werden. Wie? Durch Kunst, geradezu markerschütternde Kunst. Wozu? Um Geschichte mit der Gegenwart zu versöhnen, oder um es zumindest zu versuchen. Wann? Jetzt oder nie. Bereit?

Mitten in dieser europäischen Hauptstadt, neben Rathaus, unweit Moschee, Baha'i-Monument, nationaler Kunstgallerie und behaglicher Börek-Bude eröffnete 2016 eine Manifestation dieser neuen mediativen Kunst. Tirana, die adrette Hauptstadt Albaniens bietet mit bunk'ART ein Erlebnis mit direktem Realitätsbezug. Hier wird der Bezug zur Geschichte in der Gegenwart real. Nein, das beschreibt es nicht treffend. Also: Der Bezug zur Geschichte wird in künstlich geschaffener Gegenwart real. Auch noch nicht ganz. Noch einmal: Der Bezug zur Geschichte wird in künstlerischer Gegenwart real, Geschichte wird durch Kunst zu erlebbarer Gegenwart.

Was bewirkt dieser fesselnde Prozess für Besucher? Sie werden zu Augenzeugen der Gegenwart gewordenen Vergangenheit, zumindest glauben sie das zu werden. In Wirklichkeit erleben Sie künstlerische Freiheit in ihrer Höchstform, und das ausgerechnet im kalt-feuchten Atombunker von Enver Hoxha mitten unter dem Zentrum Tiranas!

Man muss diese neue mediative Kunst lieben für all das, was sie zu vollbringen vermag. Kann dieses junge frische Kunstkonzept tatsächlich dazu beitragen, sich eine Meinung zu bilden, Geschichte aufzuarbeiten, Traumata hinter sich zu bringen und kreativ kluge, gar versöhnende, Weichen für die Zukunft zu legen? Selbst wenn sie nur die Hälfte von gerade Erdachtem hält, der von ihr ausgelöste Denkanstoß bleibt außergewöhnlich und bemerkenswert.