Mit 01.01.2018 hat sich das Berechtigungsalter für die Inanspruchnahme von Seniorenermäßigungen bei den ÖBB und den Verkehrsverbünden auf 63 Jahre erhöht.

Zuerst zum Erfreulichen:
Nach einer Nachdenkphase von einem Jahr (!) haben die Wiener Linien endlich zusätzlich zum Senioren-2-Fahrten-Fahrschein für Wien einen Senioren-Einzelfahrschein für Wien eingeführt, der, weil auch am ÖBB-Automaten verfügbar, die ungerechtfertigte Verteuerung von Fahrten für Senioren ohne Vorteilscard Senior vom VOR-Außenbereich (Region) in die Kernzone beseitigt.

Senioren-Schwarzfahrer-Falle Nr. 1 am neuen ÖBB-Automaten

Während die Fahrkartenautomaten der Wiener Linien pünktlich mit 01.01.2018 umgestellt wurden und das korrekte aktuelle Seniorenalter anzeigen, steht bei den ÖBB-Automaten mit der neuen Software (ÖBB-Slogan: "Der Ticketautomat kann jetzt mehr") bei den Fahrscheinen für Wien weiterhin beharrlich: "Gilt für Personen ab 62 Jahre."

ÖBB-Zugbegleitern und ÖBB-Kontrolloren kann ein Senior vielleicht glaubhaft machen, dass er vom ÖBB-Automaten hereingelegt worden ist, einem Kontrollor der Wr. Linien sicher nicht. Pech gehabt. Ausreden von Fahrgästen zählen bei den Wiener Linien bekanntlich nicht (das wäre die 102.), auch wenn sie gar keine sind.

Update: Seit 10.01. ist das Seniorenalter am ÖBB-Ticketautomaten korrekt angegeben. Diese Schwarzfahrer-Falle hat zum Glück nur 9 Tage bestanden.

Senioren-Schwarzfahrer-Falle Nr. 2 am Automaten der Wr. Linien

Andererseits lassen die Wiener Linien seit eineinhalb Jahren (!) Senioren in die Schwarzfahrer-Falle tappen, weil beim Kauf einer Fahrkarte für den VOR-Außenbereich auf dem Button am Automaten bloß "Senior" steht. Nirgends ist erwähnt, dass für eine Fahrkarte im Außenbereich eine ÖBB-Vorteilscard Senior Voraussetzung ist. Da für Fahrten innerhalb Wiens (Kernzone) einzig das erreichte Seniorenanspruchsalter für die Benützung eines Seniorenfahrscheins genügt, geht jeder normale Senior davon aus, dass auch für Fahrten außerhalb Wiens die gleiche Regelung wie für Wien gilt (und das ist ihm nicht vorzuwerfen). Der Hinweis von VOR und Wr. Linien auf die VOR-Tarifbestimmungen kann nur als boshafter Zynismus gewertet werden.

Obwohl die Schwarzfahrer-Falle seit eineinhalb Jahren bekannt ist, wurde bei der Umstellung am 01. Jänner die irreführende Beschriftung wieder nicht bereinigt, obwohl aufgrund der Änderung des Fahrkartensortiments die Beschriftung einiger Buttons angepasst werden musste.

"Goldenes" Wienerherz: Keine Einigung über 12 Buchstaben

Der VOR hatte im November 2016 mitgeteilt, dass Entscheidungen betr. Gestaltung der Automaten bei den einzelnen Verkehrsunternehmen lägen und seitens des VOR nur Vorschläge vorgebracht werden könnten, "die bei technischer Umsetzbarkeit und Klärung der Kostenfrage auch umgesetzt werden."

Aus dem Büro der zuständigen Stadträtin Ulli Sima hatte es im Dezember 2016 geheißen: "Den Wiener Linien ist bekannt, dass an den Fahrscheinautomaten kein Hinweis auf die ÖBB-Vorteilscard für SeniorInnen (für reduzierte VOR-Einzel- bzw. Tageskarten mit Zielwahl in der Region) vorhanden ist. Obwohl die Voraussetzungen in den Tarifbestimmungen festgehalten sind, sind auch die Wiener Linien der Meinung, dass die derzeitige Darstellung nicht optimal ist. Die Wiener Linien haben über diesen Punkt auch schon mit dem VOR gesprochen, der nun entscheiden muss, wie das System einheitlicher gestaltet werden kann."

Ein Jahr später: Geschehen ist nichts, Schwarzfahrer-Falle besteht weiterhin.

Solchene Sachen lassen sich nicht erfinden ...

Anscheinend wird die Frage der Kostentragung für die Ergänzung von 12 Buchstaben ("Vorteilscard") auf dem Rücken der Senioren ausgetragen. Die kreativsten Kabarettisten kämen nicht auf eine derart kuriose Absurdität, welch großes Problem 12 zu ergänzende Buchstaben bereiten könnten. Aber die Verantwortlichen der Wr. Linien haben keine Hemmungen, eine solche Absurdität traurige und beschämende Realität werden zu lassen. Wie hieß es in der legendären Radiosendung Der Watschenmann: "Solchene Sachen lassen sich nicht erfinden, nicht einmal von unserem Etablissement."

Ausreden der Fahrgäste zählen nicht, Ausreden der Verantwortlichen leider sehr wohl. Aber dabei zahlen ja die Fahrgäste drauf, somit ist das kein Problem.

Senioren-Schwarzfahrer-Falle Nr. 3 und 4: neu ab 2018

Wegen der Erhöhung des Seniorenalters um ein Jahr können all jene, die vergangenes Jahr das 62. Lebensjahr bereits vollendet haben und in den Genuss der Seniorenermäßigung kamen, Senioren-Fahrscheine für Wien heuer erst ab dem 63. Geburtstag wieder benützen, davor müssen sie für die Kernzone Vollpreis zahlen. Wer nicht daran denkt, ist plötzlich Schwarzfahrer. Das betrifft vor allem jene, die mit Senioren-Fahrscheinen zum alten Tarif (gelten bis 30.06.2018) unterwegs sind.

Aber es kommt dicker:
Die Vorteilscard Senior kann ab 2018 nur neu erworben werden, wenn man 63 ist. Aber wer bereits eine hat, kann damit weiterhin ermäßigte Fahrkarten nutzen. Soweit alles klar. Wenn ein noch nicht 63-jähriger Inhaber einer Vorteilscard Senior z.B. von Tulln nach Wien fährt (oder auch umgekehrt) und am ÖBB-Automaten eine Fahrkarte zum Seniorentarif (durchgehendes VOR-Seniorenticket Region+Wien) kauft, ist er außerhalb Wiens korrekt unterwegs, in Wien wird er bei einer Kontrolle in einem Verkehrsmittel der Wr. Linien höchstwahrscheinlich als Schwarzfahrer abgestraft, weil nach Auskunft mehrerer Bediensteter der Wr. Linien (allerdings keine Kontrollore) in der Kernzone Wien das Alter maßgeblich ist und nicht die Vorteilscard Senior. Und als Schwarzfahrer soll er bestraft werden, weil er am ÖBB-Automaten korrekt "Vorteilscard Senior" angekreuzt hat? Ohne dass es einen Hinweis gegeben hat, dass die resultierende Fahrkarte in Wien für ihn nicht gilt!

In Wien ist guter Wille rar

Bei gutem Willen wäre es kein Problem, diese absurde Schwarzfahrer-Situation zu entschärfen, indem bei durchgehenden VOR-Fahrkarten Region+Wien (und nur bei solchen) die Vorteilscard Senior auch in der Kernzone als Berechtigung gilt. Genauso, wie der noch 62-jährige Inhaber einer im Vorjahr gekauften Senioren-Jahreskarte für Wien diese auch vor seinem 63. Geburtstag nützen kann, ohne als Schwarzfahrer bestraft zu werden.

Aber guter Wille ist in Wien rar, insbesondere bei den Wiener Linien. Offenbar hat die Mercer-Studie nur die Fahrplan-Intervalle, aber nicht den Kundenservice der Wr. Linien bewertet.

Schwarzfahrer-Falle Nr. 5 gefährdet insbesondere Touristen

Da es in Bussen der Wr. Linien seit einiger Zeit keine Fahrkartenautomaten mehr gibt, waren die Fahrscheine bisher beim Buslenker erhältlich. Im Oktober 2016 wurde das Fahrschein-Kontingent auf 10 Vollpreis- und 10 ermäßigte Fahrscheine pro Buslenker und Schicht reduziert. War das Kontingent erschöpft, durfte der Fahrgast im Bus gratis fahren.

Seit 01.01.2018 verkaufen die Buslenker überhaupt keine Fahrscheine mehr und Automaten im Bus gibt es weiterhin keine. Im Bus gratis mitzufahren, ist jetzt jedoch nicht mehr gestattet. Wer keinen Vorverkaufsfahrschein hat, wird zum Schwarzfahrer oder muss aussteigen und zu Fuß weitergehen. Wenn die Angaben der Wr. Linien stimmen (3 verkaufte Tickets pro Tag und Lenker), würde das bei 110 Buslinien und 3 Buslenkern pro Linie und Tag immerhin 990 Fahrscheine pro Tag bedeuten: Somit ergäben sich ca. 1000 potentielle Schwarzfahrer pro Tag!

Das trifft Gelegenheitsfahrer und vor allem Touristen. An Sonn- und Feiertagen haben Trafiken nicht geöffnet, wo man, falls eine in der Nähe ist, sich rasch einen Fahrschein kaufen könnte. Jeder, der einmal in einer fremden Stadt unterwegs war, kann sich das daraus entstehende Problem lebhaft ausmalen. Eine nicht gerade Touristen-freundliche Maßnahme in der Touristenstadt Wien.