KZ-Gedenkstätte Buchenwald, Atombombenmuseum Hiroshima, Kriegsland Afghanistan:
Ohne Mitgefühl hat Leid keine Untergrenze.
Eine persönliche Anekdote als Begleiterin für die Tage der Mediation.

Hiroshima: Platz für den aufarbeitenden Blick in die Vergangenheit
Hiroshima: Platz für den aufarbeitenden Blick in die Vergangenheit

Es ist naturgemäß schwierig, sich als Nicht-Betroffener in die Lage von Betroffenen hineinzuversetzen. Das ist die Ausgangslage, aber es wird trotzdem immer den ersten Versuch wert sein. Mit diesem Gedanken im Sinn folgen hier Beobachtungen im Hinblick auf Situationen momentaner Überforderung nach tragischen Geschehnissen. Sie schließen mit dem persönlichen Fazit, dass Mitgefühl im Umgang damit jedem guttut. Aber alles von Anfang an.

Hastiges Totschweigen aus momentaner Überforderung

Der älteste Überlebende des KZ-Buchenwald sagte in seiner Biographie über die Zeit nach seiner Freilassung: "Als ehemaliger "KZler" ist man von der Gesellschaft wie ein Aussätziger behandelt worden. Es war allen am liebsten, wenn man nicht darüber gesprochen hat. Man wollte diese Gräuel totschweigen. [...] Diese Einstellung der Gesellschaft hat uns ehemaligen Häftlingen sehr zu schaffen gemacht. Es hat fast so ausgesehen, als wären wir die Täter gewesen und nicht die Opfer."

Gleichgültigkeit, nicht Untergrenze sondern eher Türhüterin des Leids? "Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, es ist Gleichgültigkeit", so drückt es ein anderes Opfer der Terrorherrschaft der Nationalsozialisten aus. Das Gefühl, Totschweigen und Gleichgültigkeit für die eigene Leidensgeschichte zu ernten, machte das empfundene Leid für die beiden Überlebenden in unverkennbarer Weise noch schlimmer.

Hastiges Verdrängen aus momentaner Überforderung

Geschichtlich verbriefte, völlige Überforderung angesichts eines unfassbaren Ausmaßes der Zerstörung hat im Fernen Osten ein Datum: 6. August 1945. Das ist Geschichte, ein heutiger Besuch löst höchst positives Erstaunen aus, wie schön sich die japanische Millionenstadt Hiroshima präsentiert. Platz für den aufarbeitenden Blick in die Vergangenheit bietet sich bei Besuch des Museums, das sich weniger der atomaren Katastrophe in technischen Angaben, sondern den eigenen Opfern in Kurzbiographien widmet: Kurzbiographien sogenannter Hibakusha, welche sowohl erst Opfer der Atombombe wurden als auch später Opfer der ihr gefolgten gesellschaftlichen und kulturellen Überforderung. Was das im Alltag bedeutete, wird in einem in Deutsch übersetzten Auszug eines Lebensberichts im dortigen Museum deutlich.

"Als wir heirateten, habe ich es vermieden, meiner Frau zu sagen, dass ich ein Überlebender der Atombombe bin. Weil ich mir der Diskriminierung der Atombombenopfer bewusst war, hatte ich ihr nur gesagt, dass ich ,zwar Hibakusha bin, aber damals [...] fünf Kilometer entfernt war, wo ich nur leicht getroffen wurde und keine Verletzungen und auch sonst nichts abbekommen habe. [...]

Außer den Beulen gibt es bei mir noch ein Symptom, das vermutlich auf die Atombombe zurückzuführen ist, und zwar dass meine Zähne zeitiger als bei anderen Leuten schlecht geworden sind. [...] Die Symptome sind bei den verschiedenen Menschen ganz unterschiedlich. [...] Was aber allen gemeinsam ist, ist die Tatsache, dass man schneller erschöpft als andere Leute, die dieselbe Arbeit machen, und so wird man leicht von den Vorgesetzten verdächtigt, sich drücken zu wollen. ,Wenn alle diese Arbeit machen und dabei nicht ermüden, du aber schon bei diesem bisschen Arbeit schlapp machst, dann heißt das doch wohl, dass du dich drücken willst', so wird man dann zurechtgewiesen."

Hastiges Verdrängen oder gar Diskriminierung - sie können zweifellos nicht als Antwort auf Überforderung, in welcher Art auch immer sie auftreten mag, taugen. Im Gegenteil, sie machen Verzweiflung nur noch größer.

Hastige Tränen aus momentaner Überforderung

Dass ja im Leben Momente der Verzweiflung einzukalkulieren sind, ist nicht neu. Daraus kann auch Kreatives entspringen, um diesen auch einen anderen Blickwinkel abzuringen. Kreativität, Wachstum. Kunst. "Jede Kunst beginnt mit Schmerz", so habe ich das ja selbst retrospektiv wiedergegeben im zeitgemäßen Forum der Fachtagung der Kultusministerkonferenz in Weimar kürzlich. Und, ja: Plötzlich geht es um mich, ich sollte ja eigentlich nur diese Zeilen für den Tag der Mediation schreiben, so hatte ich mir das ursprünglich vorgenommen, und jetzt kommt alles anders als gedacht. Sozusagen eine Frühgeburt. Sollen diese nun einfach für alle Tage der Mediation gelten. Jedenfalls, ich selbst bin vom Schmerz nicht mehr ausgenommen. Das war neu in dieser nun folgenden persönlichen Anekdote. Oder zumindest: Das war für mich neu. In jenem Moment nämlich, als ich meine Betroffenheit nicht länger vor mir herschieben konnte. Eigentlich ja als Nicht-Betroffener, aber die Grenztür zur Betroffenheit ließ ich hinter mir offen stehen. Und das nach all den gehaltenen Lehrstunden, nach all meiner als krisenerprobt vernommenen Routine.

Tief durchgeatmet und zurückgelehnt lasse ich an dieser Stelle erst mal ganz entspannt Justin Theroux in seinem aktuellen Interview im GQ zitieren, das in der Tiefe, das am Rande, Ideen für eine intelligente Lässigkeit ohne Gefühlskälte entdecken lässt. "Schmerz ist natürlich auch Teil des Menschseins. Niemand kommt hier raus, ohne irgendwann mal wirklichen, tiefen Schmerz gespürt zu haben." Dass diese Sätze so was von überhaupt nicht im Kontext Krieg geäußert wurden, führt jetzt zu einem tiefen Durchatmen. Sie relativieren für mich nicht den beobachteten unbeschreiblichen, manchmal unaussprechlichen Schmerz anderer, sondern lassen mich vor allem den eigenen erkennen. Der, im Rückblick, ich gestehe, an jenem Tag in Afghanistan durch Tränen zum Ausdruck kam.

Angeregte Betroffenheit

Welche Folgen hatte diese angeregte Betroffenheit? Wahrlich, sie führte zu ausgereiften Überlegungen. Zu erdenden Nachforschungen, zu Recherchen, zu weiteren gehaltenen wie beigewohnten Lehrstunden über Mediation und so weiter und so fort. Doch viel interessanter war die Wirkung auf den eigentlich, wirklich Betroffenen. Sie glich dazu im Vergleich vielmehr einem Höhenflug. Kurze Zeit danach sollte bei ihm das Bachelor-Studium der Pharmazie beginnen, inzwischen steht der nicht länger Betroffene, weil soweit überstanden, vielen in anderer Form Betroffenen in seinem Heimatland zur Verfügung, und zwar immerhin 12.000 von ihnen. Das ist aktuell die Zahl der Abonnenten seiner während des Universitätsstudiums gegründeten Online-Plattform für Gesundheit. Im Rückblick gefragt nach dem Antrieb für all dies Positive bekomme ich bestätigend eine für mich unerwartet persönliche Antwort: "Aber du hast ja um mich geweint."

Angeregte Betroffenheit: Empfunden nicht als passive Schwäche sondern eher doch als aktiver, tiefst menschlicher Ansporn fürs Weitermachen? Lässt sich dem Leid durch Mitgefühl die ersehnte Untergrenze setzen? Die Antworten mögen genauso unterschiedlich ausfallen wie die Situationen denen es sich gegenüberzusehen gilt. Denn etwas ist noch ungeklärt: Das Thema Betroffen-Sein im Vergleich zur Betroffenheit, wie lässt es sich nach all dem Nicht-Alltäglichen dann im Alltäglichen voneinander abgrenzen?

Die Ruhe nach der stürmischen Überforderung

Zurück also zum Alltag. Idealfall: Der klassisch sommer-sonniger Alltag. Er hat für alle eines gemeinsam, sowohl für eine nicht betroffene Person als auch für eine, vielleicht urplötzlich, betroffene: Es gibt keinen ohne Makulatur, und jeder wohl gemeinte Gang in Richtung Sonne wirft an sich schon unverschämt große Schatten, und zwar allesamt eigene. Soviel zu aller Gemeinsamkeit.

Nun zur Grenzlinie. Es gibt an dieser ruhigen Stelle etwas zum Innehalten und tieferen Sinnieren. Interessant ist, welche Grenze der Psychotherapeut Viktor Frankl zieht, nach all dem verspürten Horror als KZ-Überlebender. Oder eigentlich, welche er nicht zieht, zumindest auf welche er nicht Nachdruck legt: Betroffen-Sein und Betroffenheit, diese beiden Begriffe lasse ich somit an dieser Stelle stehen.

Weiter gehe ich im Gespräch Viktor Frankls mit seiner Schülerin, hier im Auszug: "Herr Professor, Sie haben mit Ihrem Leben bezeugt, was Sie lehren. Aber was sollen wir Schüler machen, die wir keine Kriegsgräuel erlebt haben und keine persönliche Bewährung mitten in der Hölle vorweisen können?" "Ach Frau Lukas", antwortete er, "jeder Mensch hat sein Auschwitz."

Der Rückblick, der Blick, richtet sich vielmehr auf das Setzen einer möglichen Untergrenze von persönlich empfundenen Leid, möglich gemacht durch Mitgefühl. Mitgefühl gegenüber anderen. Mitgefühl dann auch gegenüber sich selbst.

Mitgefühl als gutes Lebensgefühl

Mitgefühl, des Leids Untergrenze. Tief durchatmen, denn das bedeutet auch: Nach oben hin ist vielleicht noch gut Luft. Luft im klassisch, sommer-sonnigen Alltag, Luft im berechtigt guten Lebensgefühl. "Wie wird man so lässig?", fragt das GQ auf der Titelseite. Vielleicht auch indem man die Lässigkeit neu definiert?

Als mein Fazit das hier: Irgendwo habe ich vor kurzem gelesen, gesund wäre das neue sexy. Falls dem so ist, dann wird mitfühlend irgendwann das neue lässig. Alles andere wäre ja dann schon fast nachlässig. Eile hat hier jetzt trotzdem nichts zu suchen. Und Stress schon gar nicht. Womit's jetzt weitergeht? Eigentlich schon genauso womit es per Geburt anfing, nämlich mit: Hast nicht, sondern Mitgefühl.