• vom 18.03.2006, 16:03 Uhr

Analysen

Update: 20.03.2006, 16:03 Uhr

Gerald Freihofners Fußnoten

Abschied von einem Wegbegleiter




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  • Leopold Gratz (76) ist nicht mehr. Er hatte große Stärken und machte einige schwere Fehler.
  • Damit hielt er mich fast zwei Jahrzehnte lang ganz schön auf Trab.

Der Autor , einst Aufdecker im Fall Lucona bei der "Wochenpresse", schreibt jeden Samstag seine "Fußnoten".

Der Autor , einst Aufdecker im Fall Lucona bei der "Wochenpresse", schreibt jeden Samstag seine "Fußnoten". Der Autor , einst Aufdecker im Fall Lucona bei der "Wochenpresse", schreibt jeden Samstag seine "Fußnoten".

Am Donnerstag wurde mit Leopold Gratz einer der vielschichtigsten Politiker zu Grabe getragen, die ich über viele Jahre journalistisch - häufig nicht zu seiner Freude - begleitet habe.


Außergewöhnlich waren auch die Nachrufe in den Medien: Darin wurden nicht nur - zu Recht - seine vielfachen Verdienste als Nationalratspräsident, Unterrichts- und Außenminister, SPÖ-Klubomann im Parlament und Wiener Bürgermeister gewürdigt, sie zeigten auch ohne Wenn und Aber Fehler auf, die er politisch und persönlich zu verantworten hatte. Sie widerlegten damit Otto von Bismarck, der einmal gesagt haben soll: "Nirgends wird so viel gelogen wie vor einer Wahl, während des Krieges, bei einer Beerdigung und nach der Jagd."

Am klarsten sprach die "Probleme" von Gratz anlässlich der Verabschiedung im Hohen Haus am Ring Bundespräsident Heinz Fischer an. Er habe "jemandem zu lange vertraut". Nämlich seinem Busenfreund Udo Proksch.

Die unverbrüchliche Freundschaft von Gratz zum "bunten Hund" der Wiener Szene und schlussendlich wegen sechsfachen Mordes verurteilten Lucona-Versenker zwang ihn schlussendlich, sich von seiner höchsten Funktion, der des Nationalratspräsidenten, ins Privatleben zurückzuziehen.

Dem waren meine Artikel vorausgegangen, dass er als Außenminister an die Botschaft in Bukarest die Weisung gegeben hatte, zur Entlastung seines Spezis Proksch vom rumänischen Geheimdienst Securitate - gefälschte - Papiere beizuschaffen. Ich heimste mir dafür sechs Klagen von Leopold Gratz ein, wie's in den Achtziger-Jahren üblich war, um kritische oder investigative Journalisten mundtot zu machen - und verlor keine. Gratz aber wurde schlussendlich rechtskräftig wegen falscher Beweisaussage zu einer Geldstrafe von 450.000 Schilling verurteilt.

Immerhin: Er hatte - im Unterschied zu manchen anderen - den Anstand, daraufhin in Pension zu gehen. Beim nunmehrigen letzten Abschied von Leopold Gratz im Parlament war nur SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer zeitgeschichtlich nicht firm: Er sprach von "medialen Vorverurteilungen" und einem "gerichtlichen Freispruch".

Es gibt einige Gründe, warum sich Gratz gar so sehr an Proksch gekettet hatte, doch ist heute aus Gründen der Pietät nicht die Stunde, dies darzulegen.

Wiewohl das häufig verwendete Zitat von Diogenes Laertius "de mortuis nil nisi bene" ("über die Toten sprich nur gut") auf eine sarkastische Feststellung Solons zurückgeht ("den, der nicht mehr ist, pflegt jeder zu loben"), seien aus persönlichem Erleben noch drei Episoden erzählt, die den anderen Gratz erahnen lassen.

Den humorvollen Gratz: Von Journalisten in guten Tagen immer wieder gefragt, ob er der "Kronprinz" von "Sonnenkönig" Bruno Kreisky sei, pflegte er stereotyp zu antworten: ",Kronprinz' ist eine Apfelsorte." Oder: "Jeder möchte in einer Villa im Grünen wohnen, mit U-Bahn-Anschluss am Stephansplatz, aber ohne Nachbarn."

Den gebildeten Gratz: Als ihm im Gemeinderat ein Oppositionssprecher vorwarf, "faustisch" zu reden und zu agieren, konterte der belesene Bürgermeister schlagfertig: "Sie haben recht, im Faust kommt tatsächlich ein Bürgermeister vor."

Den volksverbundenen Gratz: Er hatte fürs Wiener Rathaus den "Tag der offenen Tür" eingeführt, wobei die Schlange der tausenden Neugierigen durch sein Chefbüro gelenkt wurde. "Poldi" stand bei der Eingangstür und schüttelte jedem einzelnen die Hand, bis seine Rechte völlig wund und offen war. Erst am Ende des langen Tages eilte er zum ebenfalls noch emsig arbeitenden ÖVP-Stadtrat Günther Goller - und ließ sich mit Wundpuder und Heftpflaster versorgen.

fussnoten@wienerzeitung.at



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2006-03-18 16:03:26
Letzte Änderung am 2006-03-20 16:03:00

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