• vom 05.08.2017, 06:47 Uhr

Analysen

Update: 09.08.2017, 13:57 Uhr

Venezuela

Eskalation statt Dialog




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Von solch einer Entwicklung ist Venezuela weit entfernt. War Hugo Chávez 1999 angetreten, das Ölland gerechter zu machen, so endet der Chavismus nach unleugbaren Erfolgen (Armut und Analphabetismus sanken deutlich) in einem Fiasko.

Das hat mehrere Gründe: Erstens kümmerte sich die Regierung vor allem darum, die Petrodollars auszugeben, die hereinsprudelten, solange der Ölpreis hoch war. Seit 2013 hat er sich aber halbiert. Zweitens verschuldete sich Venezuela international enorm. Die Wirtschaft wurde auf Öl ausgerichtet, sodass Venezuela sonst nichts Nennenswertes mehr produziert. Gebrauchsgüter müssen importiert werden, von der Aspirin bis zur Zahnbürste. Zudem versäumte man es, in die Ölförderanlagen zu investieren. Ignoriert wurde auch die ausufernde Korruption.

Inflation liegt heuer
bei 720 Prozent

All das hat zu surrealen Zuständen geführt. Seit 2013 ist die Wirtschaft Venezuelas um 35 Prozent geschrumpft, wie Harvard-Ökonom Ricardo Hausmann errechnet hat. Da die Regierung keine Statistiken mehr veröffentlicht, ist man auf Daten von außerhalb angewiesen.

Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass die Arbeitslosigkeit bei 30 Prozent liegt, die Inflation taxiert er für 2017 auf 720 Prozent. Darunter leiden vor allem die Armen. Und: Caracas gilt als gefährlichste Stadt der Welt. Die Mordrate liegt bei 120 Morden pro 100.000 Einwohner (Deutschland: 0,8.).

Das sind die Umstände, in denen im März die Massenproteste gegen Maduro ausbrachen. Unmittelbarer Auslöser war die Suspendierung des Parlaments durch den Obersten Gerichtshof. Seither erschüttern wöchentliche Demonstrationen das Land, mehr als hundert Menschen wurden getötet. Die Polizei und paramilitärische Einheiten gehen extrem brutal vor. Gruppen militanter Demonstranten antworten mit gleicher Münze.

Auch die Opposition
ist kein Hoffnungsträger

Es gehört zur venezolanischen Tragödie, dass auch die Opposition, die sich in dem Bündnis MUD zusammengeschlossen hat, kein Hoffnungsträger ist. Ihre Führer gehören der alten Elite an, die das Land bis 1999 ausgeplündert hatte. Andere waren am Putschversuch gegen Hugo Chávez 2002 beteiligt gewesen oder hatten 1989 geschwiegen, als die Armee hunderte Menschen tötete, die gegen neoliberale Reformen protestierten. Die Schwäche der Opposition wird durch ihre Zerstrittenheit noch verstärkt. Einig ist sie sich nur in ihrer Forderung nach Neuwahlen.

Doch das wird es mit Maduro nicht geben. Weil das Militär ihm bisher den Rücken stärkt, ist abzusehen, dass sich die Situation in Venezuela eher noch radikalisieren wird. Ebenso wird die Zahl der Menschen, die Zuflucht in den Nachbarländern Brasilien und insbesondere Kolumbien suchen, weiter steigen.

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Dokument erstellt am 2017-08-04 17:24:06
Letzte Änderung am 2017-08-09 13:57:05


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