• vom 25.10.2017, 17:05 Uhr

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Update: 25.10.2017, 18:52 Uhr

Nationalfeiertag

Die Verachtung hat gewonnen




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Von Walter Hämmerle

  • Spätestens seit dem EU-Beitritt wartet die Republik auf eine neue Erzählung. Ein Essay zum Nationalfeiertag.

- © Illustration: Irma Tulek

© Illustration: Irma Tulek

Wird in hundert Jahren noch irgendjemand österreichische Gedichte lesen?

Diese Frage stellt Ivan Krastev in seinem Essay "Europadämmerung" mit Bezug auf sein Heimatland Bulgarien, aber natürlich kann man die Frage auf jedes kleinere Land umlegen, das von den Kräften einer umfassenden Globalisierung durcheinandergewirbelt wird. Wird also noch irgendjemand in hundert Jahren Gedichte lesen, die in diesem ganz besonderen Deutsch geschrieben sind, das eben kein deutsches, sondern ein österreichisches Deutsch ist? Und falls doch, wird es dann noch überhaupt genug Leser geben, die über das sprachliche Feingefühl verfügen, das Besondere dieser Gedichte zu erkennen?


Sicher, Sprachen und Staaten sind ständigen Veränderungen unterworfen. Sie tauchen auf, wachsen und blühen; und - rein statistisch jedenfalls - verschwinden die allermeisten auch wieder. Mit einem solchen, nihilistisch angehauchten Relativismus wird allerdings kein Bundespräsident am Nationalfeiertag vor seine Mitbürger treten. Diejenigen, die solche Feiertage hochhalten, erwarten bei solchen Anlässen nämlich genau das Gegenteil: Sie wollen sich darüber versichern, was Österreich als Staat, als Gemeinschaft zusammenhält.

Tatsächlich ist es ja auch für die Republik höchst relevant, ob sich auch noch in Zukunft die Menschen dieses Staats als Österreicher, als Österreicherin, fühlen und diesem Gemeinwesen loyal verbunden ist. Oder ob etwas Neues, ja vielleicht sogar etwas Älteres an diese Stelle tritt, ein Europabewusstsein oder ein noch stärkeres Regionalbewusstsein, das auf Kosten der Zwischenebene mit Namen Österreich geht.

An dieser Herausforderung ist der Staat Österreich über Jahrhunderte hinweg gescheitert. Stets verlief ein tiefer Spalt durch die Gesellschaft: zwischen Katholiken und Protestanten, Deutschen und Slawen, Großdeutschen und Österreichern und schließlich Roten und Schwarzen.

Das begann sich erst nach 1945 zu ändern, und eines der ersten großen symbolischen Projekte des wiederauferstandenen Staats war der Wiederaufbau des durch einen Brand zerstörten Stephansdoms. Jedes Bundesland lieferte dazu einen Beitrag. Der neue Steinboden kam aus Niederösterreich, Tirol spendete die Fenster, Salzburg den Tabernakel, die Steiermark das Tor, Kärnten die Kronleuchter, Vorarlberg die Sitzbänke und so weiter. Im Wahrzeichen des Stephansdoms spiegelte sich das neue "Wir" der Republik. Heute fehlt es an Symbolen vergleichbarer Strahlkraft. Die Politik jedenfalls hat keine geschaffen. Natürlich bleiben die Klischees von der schönen Landschaft, den hohen Bergen, der blauen Donau, der Musik und Literatur; es bleiben eine Handvoll neuzeitlicher Heroen aus dem Sport- und Unterhaltungsbereich, die untrennbar mit den dahinterstehenden Gewinnmaximierungsmechanismen verbunden sind. Aber auch hier sind die Zeiten vorbei, als gefühlt eine ganze Nation einem tollkühnen Kärntner im knallgelben Rennanzug zugeschaut hat, wie er vor 41 Jahren den Patscherkofel hinunter zu Olympia-Gold raste. Und solche Momente werden so schnell auch nicht wieder zurückkehren. Die Zeiten sind einfach nicht danach.

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Dokument erstellt am 2017-10-24 17:08:04
Letzte Änderung am 2017-10-25 18:52:14


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