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Update: 24.04.2013, 16:18 Uhr

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Von Franz Zauner

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Ein Kühlschrank kühlt. Eine Waschmaschine wäscht. Vielleicht werden wir uns wehmütig an die einfache, freundliche Art der alten Geräte erinnern, wenn wir einmal ganz neue im Haus haben.

Wie die Vergangenheit wirklich war, erkennt man ja oft erst in der Gegenwart. Technisch waren zum Beispiel die neunziger Jahre gar nicht so toll, wie immer getan wird. Ein Ausflug ins Internet war kompliziert wie ein Weltraumspaziergang: Ein großer, schwerer Computer fuhr piepend hoch, ein klingendes, pfeifendes, surrendes Modem stellte eine intergalaktische Verbindung her, und der Fluch, der auf den Browserabsturz folgte, ließ nicht lange auf sich warten. Später machten mobile Geräte dem Internet Beine. Jetzt geht praktisch alles.


Bis zum Jahr 2020, sagen die Technologieführer, wird das Internet mit 50 Milliarden Sachen aufwarten, die am Netz hängen. Man nennt es das Internet der Dinge, und es könnte sogar Obst und Gemüse einbeziehen. In Niedersachsen haben sie Spargelsetzlingen versuchsweise kompostierbare RFID-Transponder umgehängt. Die Erntearbeiter tragen Detektoren. Je näher sie dem Spargel kommen, umso stärker piept es. Es ist so ähnlich wie im Actionfilm, wenn eine Bombe gefunden und entschärft werden muss. So macht Spargelstechen Spaß.

Das Dingsnetz fördert das Heroische, die Kampfbereitschaft. Schaut man sich die Hoffnungen an, die es weckt, dann sieht man deutlich den Mangel, der sie hervorruft: Der Mensch ist rege, seine Umwelt träge. Wäre die Waschmaschine kein so schlappes Ding, dann würde sie recherchieren, ob der Strom billig genug ist und erst dann zum Waschgang antreten. Und der Kühlschrank würde einfach nach einem ausgefuchsten Ernährungsplan einkaufen, sobald er sich leer fühlt. Es gibt schon jetzt preiswerte Bausätze mit Sensoren, die solche Träume wahr machen können.

Es gibt aber auch einen neuen Begriff, der gerade zur rechten Zeit kommt: "Solutionismus". So nennt der Internet-Theoretiker Evgeny Morozov die euphorisch schäumende IT-Problemlösungswut, die nicht immer, aber doch oft genug keine Probleme löst.

Denn das Dingsnetz wird auch Lücken haben, für die jemand büßen muss. Sobald der simple Kühlschrank zum schlauen Majordomus befördert wird, findet sich garantiert ein jugendlicher Nachbar, der ihn dazu kriegt, 300 Mal Pizza samt 50 Kisten Bier zu bestellen und auf Facebook zum Gartenfest zu bitten. Und während sich alle Beteiligten unter Polizeischutz ans Erörtern der Schuldfrage machen, schreddert der Mähroboter die leeren Pizza-Schachteln.

Sonst spricht aber nichts dagegen, alles mit einer IP-Adresse zu versehen, die Schuhe ("Besohle uns!"), die linke und die rechte Socke ("Wechsle mich!"), das Auto ("Es staut, fahr mich nicht!"), den Radiowecker("Kalender, wie steht's?"), den Kalender ("Radiowecker, gib ihm noch fünf Minuten!"). Man wird bald nicht mehr wissen, wie es war, etwas zu tun, ohne ein Gerät um die Meinung gefragt zu haben.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-04-24 11:03:03
Letzte Änderung am 2013-04-24 16:18:21


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