• vom 21.09.2013, 12:37 Uhr

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Update: 21.09.2013, 13:57 Uhr

NSA

Zu Besuch bei der NSA




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Von Franz Zauner

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Dank Google ist die Savage Road in Fort Meade, Maryland, nur einen Mausklick entfernt. Dort wohnt die NSA. Das Google-View-Männchen wehrt sich dagegen, auf das Gelände geschoben zu werden. Nur an ausgewählten, vermutlich von einem geheimen Ausschuss bewilligten Stellen lässt es sich nieder und eröffnet Blicke auf die nähere Umgebung. Man kann erkennen, dass das NSA-Hauptquartier nur aus Gebäuden besteht. Es gibt keinerlei Anzeichen von Architektur.

Zwei klobige Zentralen tragen undurchsichtige Glasoberflächen, wie sie auch Finanzdienstleister lieben. Rundherum stehen Ensembles mausgrauer Bauten. Man versteht das Gerücht, dass Schokoriegel und Kopfschmerztabletten die Topseller der örtlichen Drogerie sind. Eingebettet sind die Gebäude in einen riesigen Parkplatz, der noch größer zu sein scheint als jener der SCS. Es sieht zwar nicht aus wie eine Idylle, es muss aber eine zu sein.


Auf der Homepage der NSA werden bevorzugt Stellen für Computerleute, Elektroingenieure und Internetspezialisten ausgeschrieben. Alles Arbeitnehmer, die viel tüfteln müssen, die haben eher ein ruhiges Naturell. Berichte künden von Freizeiteinrichtungen und Weiterbildungsinstitutionen. Es gibt eine eigene Zeitung und firmeneigene Therapeuten für die etwa 20.000 Angestellten. Das Arbeitsklima dürfte gut sein.

Da verwundert es nicht, dass kein Insider, sondern ein Leiharbeiter im Außendienst zum großen Schlag ausholte. Seit drei Monaten kommt Eduard Snowden der NSA beinahe jede Woche mit einem neuen Papier. So wurde nach und nach bekannt, dass sie in Maryland und anderswo die Post der ganzen Welt lesen, ihr beim Telefonieren zuhören und sich dabei weder von Gesetzen noch durch Verschlüsselung bremsen lassen. Das ist ein Skandal. So richtig empört haben Snowdens Enthüllungen aber nur wenige, und die NSA kennt sie vermutlich alle.

Warum die Observanz eher gelassen aufgenommen wird, bleibt eine offene Frage. Hans-Christian Dany mutmaßt in seinem Buch "Morgen werde ich Idiot", dass die Kybernetik und der Mensch eins geworden sind. Alles regelt sich wie von selbst, indem sich alle gegenseitig kontrollieren. Wir bewerten uns permanent selbst, wir bewerten die anderen und werden bewertet - auf Facebook, bei ebay und praktisch überall im Netz. So überwacht jeder jeden, es kommt einem normal vor.

Sogar im Dark Web, im Untergrund-Kaufhaus Silk Road, wo es kaum Legales zu kaufen gibt, existiert übrigens ein Bewertungssystem. Offenbar schätzt auch der deviante Mensch ein gewisses Maß an Fernaufklärung.

Die NSA wäre dann nichts anderes als der oberste Bewerter. Oder, um ein altes Wort zu verwenden: Gott. Gar nicht so wenige glauben an das "wachsame und allsehende Auge auf die Welt" (Frank Rieger in der FAZ), fühlen sich beschützt. Und merken nicht, dass die Demokratie damit zu einer Benutzeroberfläche verkommt. Womit wir wieder bei dem schäbigen Olymp in der Savage Road, Fort Meade, Maryland, wären. Man könnte der Banalität des Überwachens keinen passenderen Tempel errichten.




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Dokument erstellt am 2013-09-21 12:38:01
Letzte Änderung am 2013-09-21 13:57:44


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