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Update: 25.11.2018, 13:47 Uhr

E-Scooter

E-Scooter und Elefanten




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Von Matthias Bernold

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  • Die Ablehnung von E-Scootern ist nicht wirklich begründbar: Die Vorteile dieser Mobiitätsform überwiegen.

Freitritt - Der Radblog der "Wiener Zeitung".

Freitritt - Der Radblog der "Wiener Zeitung".© Wiener Zeitung Freitritt - Der Radblog der "Wiener Zeitung".© Wiener Zeitung

Laut "Expat City Ranking 2018" mit mehr als 18.000 befragten Expats, also von Firmen ins Ausland entsandte Mitarbeitern, belegt Wien nur Rang 65 von 72 in der Kategorie "Freundlichkeit". So wie die Donaumetropole regelmäßig als eine der lebenswertesten Städte gelobt wird, stößt man sich regelmäßig am Umgangston hier. Was davon zu halten ist, lässt sich schwer einschätzen. Weitgereiste Menschen kehren nach Jahren in Paris, New York oder Mexiko City häufig auch nicht gerade mit Lobeshymnen auf die Freundlichkeit der Menschen dort zurück…

Aber egal: Es soll hier um eine grundsätzlichere Frage gehen als um die der oft beschworenen Grantigkeit der Wienerinnen und Wiener. Nämlich um die, was negative Gefühle eigentlich weckt bzw. wieso Ablehnung so oft die erste Reaktion auf neue Entwicklungen darstellt. Konkretes Beispiel am dieser Stelle: Die E-Scooter in Wien, über die gerade vielfach geschimpft wird. Und das liegt – wie ich meine – weniger am Wiener Naturell als am Elefanten.

Am Elefanten?

Der US-amerikanische Psychologie-Professor und Therapeut Jonathan Haidt liefert in seinem lesenswerten Buch "Die Glücks-Hypothese" eine Erklärung, warum viele Menschen in ihrer Umgebung vor allem das Negative wahrnehmen: Der älteste Teil des Nervensystems (Rückenmark und Hirnstamm) – Haidt bezeichnet es als den "Elefanten" – sei schuld. Auf Überleben und Gefahrenabwehr programmiert, steuerte dieses System schon unsere Vorfahren vor Millionen Jahren automatisiert durch die Regenwälder. Lugt eine Schlange aus dem Busch, machen wir damals wie heute einen Satz zur Seite: Der "Elefant" reagiert, lange bevor die Meldung darüber unser Bewusstsein, den "Reiter", erreicht. Das Bemerkenswerte dabei: Der Elefant ist ein notorischer Pessimist. Negative Wahrnehmungen hinterlassen ihm stets einen stärkeren Eindruck, weil es schlimmer wäre, im Maul eines Räubers zu landen, als einmal eine Haselnuss zu übersehen.

Was in unser Bewusstsein vordringt, ist durch die Ersteinschätzung des Elefanten emotional gefärbt und hat häufig einen negativen Beigeschmack.

Ich vermute, dass das plötzliche Vorhandensein einer neuen Mobilititätsform als erstes bei vielen einen Abwehrreflex auslöst. Der Elefant ist verängstigt, der Reiter sondert verärgert Postings in Social Media ab. Mit der Metapher vom Reiter und seinem ängstlichen Elefanten lassen sich übrigens viele merkwürdige Verhaltensweisen erklären. Sei es die anfängliche Ablehnung von Fußgängerzonen und von Radwegen. Seien es die vielen Male, in denen Menschen gegen ihre eigenen Interessen stimmen und autoritäre Kräfte wählen, die ihnen eigentlich schaden.

Was spricht gegen E-Scooter?

Abseits des Abwehrreflexes: Welche Argumente werden gegen die Leih-Scooter eingewandt?

1. Sie seien gefährlich: Mit der Gefahrenwahrnehmung ist es so eine Sache. Generell finde ich es immer etwas sonderbar, wenn vor dem Hintergrund der Verletzten und Toten im Straßenverkehr, eine andere Mobilitätsform als das Autofahren als gefährlich bezeichnet wird.

2. Sie stünden im Weg herum: Ja, das passiert mitunter. ich musste unlängst ebenfalls einen Roller vom Radweg schieben. Das Problem wird allerdings dadurch entschärft, dass die Betreiber die Roller zwecks Laden der Akkus ohnehin jeden Abend einsammeln.

3. Sie verschandelten das Stadtbild: Solang Zehntausende Autos den Straßenraum verstellen, ist jedes ästhetische Urteil über schirche Leihräder oder E-Scooter absurd.

Was spricht für E-Scooter?

 Kommen wir zu Argumenten, die für die E-Scooter sprechen:

1. Sie erweitern das Spektrum an Mobilitätsformen und zeigen, wie effizient die Kombination von Sharing-Economy, Mobilfunk und elektrifizierten Verkehrsmitteln sein kann. Ich glaube zwar nicht, dass E-Scooter Autofahrten ersetzen – eher sind sie ein Ersatz fürs Zufußgehen oder sind in Kombination mit Öffentlichen Verkehrsmitteln für die letzte Meile praktisch.

2. Sie haben das Potenzial Segways von den Straßen zu verdrängen: Diese rollenden Rasenmäher, auf denen vor allem Touristen und Touristengruppen Radwege blockierten, waren durch ihre Breite und die schwer vorhersehbaren Richtungsänderungen für andere Verkehrsteilnehmer unangenehm.

3. Sie zeigen den Platzbedarf für alternative Verkehrsmittel, sogenannte "Mikro-Mobilität" auf. Je mehr Leute mit so etwas unterwegs sind, desto dringlicher wird die Umverteilung des Straßenraums zu Lasten des motorisierten Individualverkehrs. Davon profitiert nicht nur der Radverkehr. Die Neuverteilung des Straßenraums wiederum hebt unmittelbar die Lebensqualität in den Städten. Weniger Autoverkehr heißt: sicherere, grünere, leisere Straßen und weniger Abgase.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-24 13:55:22
Letzte Änderung am 2018-11-25 13:47:21


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