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Update: 06.12.2018, 11:19 Uhr

Kleidung

Regenponcho: eine Frage der persönlichen Reife




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Von Matthias G. Bernold

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Freitritt - Der Radblog der "Wiener Zeitung".

Freitritt - Der Radblog der "Wiener Zeitung".© Wiener Zeitung Freitritt - Der Radblog der "Wiener Zeitung".© Wiener Zeitung

Es gibt Kleidungsstücke, an die muss man sich behutsam herantasten. Hüte zum Beispiel. Der Mensch, vor allem der junge, sieht oftmals verkleidet oder lächerlich aus, wenn ihm ein Hut am Kopf steckt. Erst im Lauf der Jahre – so zumindest mein Empfinden – beginnen sich Kopf und Hut allmählich zu vertragen. Huttragen gehört zu den altersexzentrischen Dingen, die Vorfreude auf spätere Lebensabschnitte wecken. Wie Spazierstöcke, Patiencen legen oder im Schaukelstuhl sitzen, um den Enkeln und Urenkeln beim Spielen zuzusehen.

Beim Poncho, um bei den Kleidungsstücken zu bleiben, ist es ähnlich. Ich kann mich gut daran erinnern, welche Empfindung Poncho-tragende Radfahrer bei mir ursprünglich auslösten: Mitleid und Neid. Mitleid, weil sie augenscheinlich so wenig Wert auf ihr Äußeres legen. Und Neid, weil der Poncho, zumal wenn mit Stolz getragen, wie kein anderes Kleidungsstück suggeriert: Hey, mir ist es egal, was du über meine Erscheinung denkst, ich trage, was mir nützt.

Viele Jahre stand mir die Eitelkeit im Weg. Vor einigen Jahren offenbarte mir Martin, ein radfahrender Freund, dass es für ihn im Regen keine Alternative dazu gäbe. Er sei der größte nur denkbare Poncho-Fan unter dem feuchten Weltenhimmel. Ich nahm es damals lächelnd hin als entschuldbare Schrulle eines Enthusiasten. Und zwängte mich weiterhin in teure Regenhäute und -hosen oder stieg heimlich auf die Tramway um.

Meine eigene Erfahrung mit Regenponchos blieb limitiert. Auf einer einzigen Radreise hatte ich ihn mit. Durch die Niederlande und den Norden Deutschlands führte unsere Route. Dabei gerieten wir in heftigen Dauerregen, der mehrere Tage nicht abreißen wollte. Aufgrund der Lenkerendenschaltung meines Reiserades war es jedoch nicht praktikabel, die unteren Schlaufen des Ponchos – wie vorgesehen – am Lenker zu fixieren. Stattdessen schlüpfte ich mit den Beinen durch die Schlaufen und schuf auf diese Weise eine Art Regenkleidchen. Damit war ich jedoch in eine gebückte Haltung gezwungen und sah noch seltsamer aus. Zu allem Überfluss nutzte meine Begleiterin in einer Nacht den Poncho zum Abdecken der Räder. In der Früh war das gute Stück – innen und außen – derartig nass, dass der Regenschutzfaktor eigentlich verloren ging.

Wie auch immer: Es vergingen einige Jahre, bis der Poncho – ich war inzwischen Vater geworden und viel mit Spross auf dem Lastenrad unterwegs – eine Renaissance erlebte. An einem Novembertag mit Starkregen holte ich ihn aus dem Fahrrad-Kleiderschrank hervor. Und musste bald feststellen: In Kombination mit dem Lastenrad, das über eine aufrechtere Sitzposition und einen gerade Lenker verfügt, ist der Regenponcho im urbanen Alltag jedem anderen Regenteil überlegen. Hier bewährte sich die Idee, dass sich der Poncho – verspannt mit den Lenkerenden – gewissermaßen wie ein Zelt um den Radfahrer legt. Die Plastikschicht klebt nicht unangenehm auf der Haut, die Umluft hält den Radelnden angenehm kühl. Auch nach dreißig Minuten flotter Fahrt: nicht durchgeschwitzt. Am Zielort angelangt, ist der Poncho schnell über den Kopf gestreift und aus dem Sichtfeld verbracht.

Aus der Plastikhülle schält sich – elegant und trocken – der stolze Mensch in voller Pracht. Er muss jetzt bloß noch das nasse Stück Plastik irgendwohin verhängen und kann sein Tagwerk beginnen.

Dass es mir inzwischen möglich ist, den Poncho ohne Schamgefühl tragen zu können, werte ich als Zeichen großer persönlichen Reife. Wer weiß, vielleicht bin ich im Sommer dann auch bereit, einen Hut zu tragen.





Schlagwörter

Kleidung, Regenponcho, Freitritt

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-12-06 10:53:10
Letzte Änderung am 2018-12-06 11:19:53


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