• vom 04.08.2013, 14:26 Uhr

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Update: 07.08.2013, 17:28 Uhr

Armut

Selbstversuch in Sachen Armut




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Von Matthias Bernold

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Fernseh-Journalist David Gross wandert und trampt durch
die reichsten und ärmsten Orte Österreichs. Geld hat er keines dabei.


David Gross beim Interview im Alten AKH
- © M. G. Bernold

David Gross beim Interview im Alten AKH
© M. G. Bernold


© M. G. Bernold © M. G. Bernold

Dies ist die Langfassung des Interviews wie es am 3. August 2013 in der Printausgabe der "Wiener Zeitung" erschienen ist. (Hier der Link zur Print-Version.)

Fernseh-Journalist David Gross beschäftigt sich seit längerem mit der Wegwerfgesellschaft. Vor zwei Wochen startete der 34-Jährige einen Selbstversuch. Seither wandert und trampt der Salzburger durch die reichsten und ärmsten Orte Österreichs. Ohne einen Cent in der Tasche. In Wien schlief er im Stadtpark, zog in Döbling von Tür zu Tür und übernachtete im Servitenkloster bei den Asylwerbern. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" erklärt Gross, wie es sich lebt, wenn man von der Gunst der Mitmenschen abhängig ist.

"Wiener Zeitung": Wie kommt man auf die Idee, ohne Geld durch Österreich zu reisen?

Meine Reise ist der Selbstversuch eines Wohlstandskindes. Ich bin ja in der Mittelklasse aufgewachsen und hatte – von der Studentenzeit abgesehen – nie gröbere Geldprobleme. Auch unter dem Eindruck meiner Waste-Cooking-Experimente – wir durchwühlen Mülltonnen und kochen aus dem, was andere wegwerfen – habe ich begonnen, mich mit Fragen des Konsums und der Konsumverweigerung, mit Wohlstands- und Wegwerfgesellschaft zu befassen. Was bedeutet es in einem Land, wenn es eine Schicht von 5 Prozent gibt, die 50 Prozent des Gesamtvermögens  besitzen und eine steigende Zahl von Menschen von Armut bedroht ist? Ich habe mir gedacht, das will ich am eigenen Leib erfahren.

Wollen Sie Ihre Reise journalistisch verwerten?

Es läuft wohl alles auf ein Buchprojekt hinaus. Die Kamera passt nicht, da kriege ich nicht was ich will, wenn hinter mir ein Filmteam steht. Und versteckte Kamera wäre keine Option.

Verraten Sie den Leuten, dass Sie Journalist sind?

Ich stelle mich nicht als Journalist vor. Dass würde die erste Reaktion verfälschen. Aber ich will niemanden anschwindeln. Wenn mich die Leute fragen, ob ich arbeitslos bin oder obdachlos, sage ich ihnen in der Regel die Wahrheit. Manchmal muss ich improvisieren. Wenn die Leute hören, dass ich ohne Geld durch Österreich ziehe, reagieren sie sehr unterschiedlich. Irritiert sind am Anfang fast alle. Dann gibt welche, die halten einen für geisteskrank. Andere springen auf den Gedanken auf und mögen die Idee.

"Frisches Wasser zu trinken, macht einen zufrieden"

Was ist denn auf so einer Reise wichtig?

In dieser Reihenfolge: Wasser, Essen ein  Schlafplatz. Die Suche nach diesen Dingen strukturiert den Tag. Es ist ein Erlebnis, frisches Wasser zu finden und zu trinken. Das macht dich zufrieden.

Wie haben Sie Ihre Reiseroute zusammengestellt?

Ich habe mir Österreich auf der Landkarte angeschaut und überlegt, wo sich die Facetten von Armut und Reichtum am deutlichsten zeigen. Sei es eine Obdachlosenausspeisung in Linz oder ein Spaziergang durch Döbling, wo die Wohlstandsfestungen stehen.

Wie ist es Ihnen denn in Döbling ergangen?

Zuerst einmal habe ich eine halbe Stunde gehen müssen, bevor ich überhaupt einen Menschen gesehen habe. Das ist ganz anders als am Land, wo du über den Gartenzaun beobachtet wirst und wo sich hin und wieder der Vorhang hinter einem Fenster bewegt. In Döbling hast du den Eindruck, hier steht alles leer. Als besäßen die Menschen mit den größten Palästen noch zwei, drei weitere. Aber wer weiß, vielleicht ist der Eindruck auch falsch. Immerhin ist Ferienzeit...

"Ich bin auf Wanderschaft und habe kein Geld. Können sie mir helfen?"

Was passiert, wenn Sie an der Tür klingeln?

In Döbling hat bei ersten fünf oder zehn Türen niemand aufgemacht. Durch die Überwachungskameras sehen die, wer da klingelt. Wenn sie einen nicht kennen, machen viele wahrscheinlich gar nicht auf.

Wie lautet Ihr erster Satz, wenn sie jemanden ansprechen?

Ich sage immer den selben Satz mit leichten Abwandlungen: "Ich bin auf Wanderschaft und habe kein Geld. Können sie mir helfen?" In Döbling ist dann etwas Bizarres passiert. Jemand hat mir dort die Türe geöffnet, ich habe nach Brot gefragt. Und der Mann dort hat geantwortet. Er habe leider kein Brot im Haus, aber Kuchen.

Das klingt ganz nach Marie Antoinette...

Genau. Ich habe dann drei Stück Kirschkuchen bekommen.

Wie begegnen Ihnen die Leute, die sie um etwas bitten?

Ich muss vorausschicken, dass ich nicht wie ein typischer Bettler aussehe. Ich bin so gekleidet wie ich gekleidet bin, wenn ich eine Wanderung unternehme. Ich wollte mich nicht verkleiden wie Günther Wallraff. Deswegen kann ich aus dem Verhalten, mit dem mir die Leute begegnen nicht schließen, wie sie mit Bettlern allgemein umgehen. Ich glaube, abgesehen von den Lebensumständen ist es eine Charaktersache. Ich bin im Stadtpark in Wien Obdachlosen begegnet, die mir keine Auskunft geben wollten. Andere haben mir genau erklärt, wo ich morgen etwas zu essen bekomme und wie ich am besten meine Habseligkeiten verstecke.

Geben die Reichen mehr oder weniger als die Armen?

Es gibt Klischees, negative wie positive, die in beide Richtungen gehen. Mir geht’s darum, diese nicht zu bedienen. Ich bin ohne moralischen Zeigefinger unterwegs, und ich freue mich über Überraschungen. Ich könnte auch nicht sagen, dass die Döblinger prinzipiell nichts geben. Abgesehen vom Kirschkuchen habe ich einmal drei Dosen Sardinen bekommen und einmal ein Mettwurstbrot.

Was waren dann die größten Überraschungen?

Für mich ist es die Gastfreundschaft von denen, die man als arm und fremd bezeichnen würde. In Braunau zum Beispiel habe ich einem Camping-Platz für Roma und Sinti genächtigt. Das waren Leute, die in Zelten schlafen und sich nicht einmal einen Wohnwagen leisten können. Die haben mir eines ihrer Zelte freigemacht und eine Luftmatratze geborgt. Auch im Servitenkloster bin ich von den Asylwerbern extrem freundlich aufgenommen worden. Die meisten dort sind ja aus Bangladesh und Pakistan und haben gerade Ramadan, wo sie unter Tag nichts essen oder trinken. Mir haben sie dennoch jedes Mal Tee nachgeschenkt und neuen gekocht, wenn meine Tasse leer war.

Wie oft werden Sie abgewiesen?

Selten. Origineller Weise einmal in Stift Melk. Dort hat es geheißen, der Gäste-Pater ist zur Zeit nicht da. Deshalb könne man mir nicht weiterhelfen. Ich durfte mich dann zum Übernachten außen an die Klostermauer legen. Ich will das jetzt nicht überbewerten, aber du wunderst dich schon. Es ist ein Stift von monumentalen Dimensionen. Und dann haben die kein Plätzchen frei...

Was war bisher während Ihrer Reise am schwierigsten?

Ich bin kein Leistungssportler oder Extremgeher, kein Indiana Jones oder Rüdiger Nehberg, der durch Deutschland wandert und sich von überfahrenen Igeln ernährt. Die körperlichen Herausforderungen habe ich unterschätzt. Mir hat zum Beispiel die Hitze während der ersten Tage extrem zugesetzt. Entlang des Inn und der Donau war ich – glaube ich – einem Sonnenstich ziemlich nahe. Zum Glück habe ich meinen Regenschirm dabei, der sich gegen die Sonne sehr gut bewährt.

 "Bin nicht auf der Suche nach religiöser  Erleuchtung"

Sind Sie die ganze Strecke zu Fuß gegangen?

Ich bin ca. die Hälfte des Weges von Salzburg nach Wien zu Fuß gegangen und die andere getrampt. Das Marschieren ist für mich nicht das zentrale Thema. Ich bin nicht auf dem Jakobsweg, nicht auf der Suche nach religiöser  Erleuchtung oder Selbstfindung. Es ist außerdem sehr interessant, wer einen mitnimmt. Unter fünf Fahrzeuglenkern waren zwei Vermögensberater. Da haben sich interessante Gespräche ergeben. Der eine hat mir zum Abschied gesagt, wenn ich wieder Geld hätte, soll ich ihn anrufen. Zwecks Vermögensvorsorge. Der andere hat mir den Rest seiner Pizza überlassen.

Übernachten Sie während der Reise auch bei Leuten, die Sie kennen?

Ich bin da sehr vorsichtig, weil ich merke, dass ich die Ernsthaftigkeit des Projektes dadurch in Gefahr bringe. Wenn ich Kaffee bekomme und eine Waschmaschine zur Verfügung steht, holt mich die Komfortzone ein. Wenn ich mich einmal gemütlich hinlege, will ich liegen bleiben (lacht). Deswegen habe ich es mir zur Regel gemacht, nur dort zu schlafen, wo ich noch nie war und nichts im Vorhinein auszumachen. Ich suche meine Schlafplätze meistens erst bei Einbruch der Dämmerung auf, ganz spontan.

Was führen Sie für eine Ausrüstung mit?

Abgesehen von dem Regenschirm, habe ich eine Iso-Matte dabei, einen Schlafsack, zwei Wasserflaschen. Zahnputzzeug, Blasenpflaster, Sandalen und Bergschuhe. Eine wärmere Jacke, ein Regenschutz für den Rucksack. Das iPhone. Am Anfang hatte ich auch einen kleinen Campingkocher mit – den habe ich allerdings am dritten Tag zurückgelassen. Ich hätte gar nicht die Ruhe, um zu kochen. Zwei Hemden, ein T-Shirt, drei Unterhosen, drei Paar Socken, Taschenmesser. Der einzige persönliche Gegenstand ist eine Foto meiner Tochter.

Ist es eine große Hürde, Menschen um etwas zu bitten?

Obwohl ich lange als TV-Journalist gearbeitet habe, ist diese Schwellenangst immer noch da. Aber es wird immer einfacher. Am Anfang bin ich vor jeder Schwelle dreimal im Kreis gegangen. Natürlich schätzt man die Menschen ein und überlegt sich, ob man Chancen hat. Da entwickelt man ein Sensorium. Wahllos jeden anzuquatschen, wäre sehr frustrierend. Eines ist klar: Wenn man richtig hungrig oder durstig ist, dann ist die Schwellenangst plötzlich Wurscht.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-08-04 14:30:11
Letzte Änderung am 2013-08-07 17:28:33


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