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Update: 22.12.2017, 13:36 Uhr

Sicherheitskampagen

Kleidet Menschen wie Leuchttürme!




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Von Matthias G. Bernold

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Mit Unterstützung zahlreicher Prominenter startet der ÖAMTC eine groß angelegte Kampagne zur Ausstattung von Fußgängern und Radfahrern mit reflektierenden Pudelhauben. Was ist davon zu halten?

"Sehen und Gesehen werden" heißt die aktuelle Sicherheitskampagne des ÖAMTC. In der Presseaussendung dazu heißt es: "Mit der dunklen Jahreszeit sind gefährliche Monate im Straßenverkehr angebrochen". Zwischen Oktober und März, zitiert der Club die Statistik Austria, ereigneten sich zwei Drittel aller tödlichen Fußgängerunfälle.

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Wie stehen Sie zu reflektierender Schutzkleidung? Fühlen Sie sich bei Dunkelheit auf der Straße sicher? Sollten die Autofahrer langsamer unterwegs sein? Schreiben Sie uns!

Was auf den ersten Blick löblich klingt, ist auf den zweiten Blick einigermaßen irritierend. Bereits der Begriff "Fußgängerunfall" gibt die Stoßrichtung der Kampagne vor. Selbstverständlich geht es dabei nicht um Fußgänger, die mit tödlichen Folgen ineinander laufen, sich überm Kopfsteinpflaster den Hals brechen oder orientierungslos in den Donaukanal stürzen. Sondern um jene Fälle, wo ein Autofahrer einen Fußgänger zu Tode bringt. (Knapp 80 mal geschieht dies in Österreich jedes Jahr. Rund 4.000 Fußgänger werden laut offizieller Unfallstatistik jedes Jahr von Autos verletzt und überleben den Zusammenstoß.)

Zurück zur ÖAMTC-Kampagne: Da es sich um "Fußgängerunfälle" handelt, braucht man sich – so sieht man es offenbar im neuerrichteten Hauptquartier an der Südosttangente – auch nicht wirklich mit den beteiligten Autolenkern befassen. Fußgänger sind die Adressaten der vom ÖAMTC eingeforderten Verhaltensänderung: "Das Tragen von Reflektoren vermindert das Unfallrisiko für Groß & Klein."

Fahren auf Sicht? Weniger Tempo?

Wer gerade keine Reflektoren zur Hand hat, aber dennoch die Wohnung nach Einbruch der Dämmerung verlassen möchte, für den hat der ÖAMTC eine Lösung parat: die leuchtende Pudelhaube. In seinen Shops bietet der Club eine solche zum Kauf, die mit "reflektierendem Garn" gestrickt wurde. "Eigens produziert gibt es sie in zwei verschiedenen Farbvarianten", heißt es auf der Website: "Die Haube soll insbesondere für Fußgänger ein Angebot sein, um sichtbar und damit sicherer durch die dunkle Jahreszeit zu kommen. Erhältlich ist sie an allen ÖAMTC-Stützpunkten, solange der Vorrat reicht."

Restlos überzeugt von der modischen Überzeugungskraft dieser Adjustierung –Schnäppchenpreis 9,90 Euro – scheint der ÖAMTC aber doch nicht zu sein. Damit sich die Haube besser verkauft, heuerte man Publikumslieblinge wie die Schauspielerin Lilian Klebow, Fernseh-Blödler Gregor Seberg sowie Schlagerstar Andreas Gabalier an, die der Kampagne ihr Gesicht leihen.

Gabalier und Pudelhaube also, um die Zahl der "Fußgängerunfälle" zu reduzieren. Könnte man sich der Thematik nicht auch anders nähern? Vielleicht sogar auf eine Weise, die nicht den Opfern von Verkehrsunfällen die alleinige Verantwortung aufbürdet?

Leuchttürme

Könnte man natürlich schon, wenn man wollte. Etwa über Tempo-Reduktion oder das Einmahnen von "angepasster Geschwindigkeit" wie sie die StVO vorschreibt. Bekanntlich ist überhöhte Geschwindigkeit eine der häufigsten Unfallursachen. Über angepasstes Tempo verlieren die ÖAMTC-Stars in den Kampagnen-Videos freilich kein Wort. Vielmehr demonstrieren sie, wie man sich mit reflektierenden Ohrringen, leuchtenden Armbinden und Patent-Pudelhauben in einen Leuchtturm verwandelt, um "sichtbar" zu werden

Klar, Tempo-Limits oder die Einhaltung derselben sind unpopulär. (Vorsicht, ab jetzt wird es sarkastisch): Es heißt ja Autofahrer- und nicht Autobremserclub. Die Verantwortung für Fußgänger- und Radfahrerunfälle muss klar bei Fußgängern und Radfahrern bleiben.

Die ultimative Lösung für "Fußgängerunfälle" spart sich der ÖAMTC vermutlich für seine Kampagne 2018 auf: Den Aufruf nämlich, dass Fußgänger, Radfahrer und sonstige Problembären bei Einbruch der Dämmerung bitte besser daheim bleiben und Schlagermusik hören. Dann wird der Verkehrsfluss nämlich gar nicht mehr gehemmt...!





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-12-18 15:26:46
Letzte Änderung am 2017-12-22 13:36:33


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