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Update: 26.02.2018, 14:00 Uhr

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Reden wir übers Radfahren im Winter!




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Von Matthias G. Bernold

Geschützter Radweg in Montreal. Foto aus der Präsentation von Bartek Komorowski (Vélo Québec) - © Vélo Québec

Geschützter Radweg in Montreal. Foto aus der Präsentation von Bartek Komorowski (Vélo Québec) © Vélo Québec

Wichtig beim Planen winterfester Radinfrastruktur: Wohin mit dem geräumten Schnee? Foto aus der Präsentation von Bartek Komorowski (Vélo Québec)

Wichtig beim Planen winterfester Radinfrastruktur: Wohin mit dem geräumten Schnee? Foto aus der Präsentation von Bartek Komorowski (Vélo Québec)© Vélo Québec Wichtig beim Planen winterfester Radinfrastruktur: Wohin mit dem geräumten Schnee? Foto aus der Präsentation von Bartek Komorowski (Vélo Québec)© Vélo Québec

Wer an Tage wie diesen nicht die Kälteresistenz zum Radeln aufbringt, kann sich an Timo Perälä ein Beispiel nehmen. Der Finne aus der Stadt Oulu ist vom Winterradeln so begeistert, dass er sogar einen eigenen Winter Cycling Congress gründete. Diese fand im Februar zum bereits fünften Mal statt. Nach Oulu, Winnipeg (Can), Leeuwarden (NL), Minneapolis (USA) und Montreal (Can) war heuer Moskau der Veranstaltungsort.

Ich habe Perälä ein paar Fragen gestellt. Er hat sie mir via E-Mail beantwortet. (Seine Antworten sind aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.) Aber zunächst ein paar klimatische Daten zu Peräläs Heimatstadt: Laut Wetterdienst wetterkontor.de liegen die Temperaturen in der 200.000-Einwohner-Stadt im Norden Finnlands im Februar zwischen minus 15 und maximal minus sieben Grad. Dazu scheint jeweils vier Stunden täglich die Sonne. Brrrrr.

Hier das Interview:


"Wiener Zeitung": Wie bist du auf die Idee für den Winter Cycling Federation gekommen?

Timo Perälä: Ich habe meine Masterarbeit über das Wartungsniveau von Straßeninfrastruktur aus Sicht von Radfahrern und Fußgängern geschrieben und begonnen, die Forschungsergebnisse bei verschiedenen Konferenzen zu präsentieren. Dann habe ich in Finnland 2001/2002 eine nationale Winter-Fahrrad-Umfrage durchgeführt. Die Folge war, dass ich noch häufiger irgendwohin eingeladen worden bin, um über Winter-Radfahren und über meine Heimatstadt Oulu zu berichten. Die Anfragen haben so zugenommen, dass ich irgendwann anfing, die Leute gleich nach Oulu einzuladen, damit sie mit eigenen Augen sehen können, dass Winterradeln für jedes Alter möglich ist. Ich habe dann der Stadtverwaltung vorgeschlagen, eine spezielle Winter-Fahrrad-Konferenz zu veranstalten, aber sie wollten das nicht. "Wer würde da schon kommen", wurde mir erklärt. Ich wusste es besser und machte es alleine mit meiner Firma Navico. So fand im Februar 2013 in Oulu der erste Winter-Fahrradkongress statt.

Wer ist zum ersten Kongress gekommen?

150 Teilnehmer aus zwölf verschiedenen Ländern. Meine ursprüngliche Idee war, den Kongress nur ein einziges Mal zu organisieren, einfach um es der Stadtverwaltung zu beweisen. Aber die Teilnehmer bestanden darauf, dass wir weitermachen. Anders Swanson, einer der Teilnehmer aus Kanada, fragte, ob wir den Kongress nächstes Jahr nach Winnipeg bringen könnten. Wir konnten. Wir haben dann noch während der ersten Tagung die Winter Cycling Federation gegründet, um die Botschaft weiter zu tragen. Und hier stehen wir jetzt.

Wozu brauchen wir überhaupt Winter-Cycling-Konferenzen?

Um Wissen und Achtsamkeit zu teilen und voneinander zu lernen. Wir alle wollen menschenfreundlichere und gesündere Städte haben. Es ist reine Dummheit, die Fahrradinfrastruktur nur für einige Jahreszeiten zu bauen. Es gibt viele Städte in kalten Regionen. Da das Radfahren weltweit zunimmt, möchten wir, dass die Städte wissen, dass das Radfahren das ganze Jahr über möglich und mit relativ geringen Kosten machbar ist.

Ist Winter-taugliche Radinfrastruktur nicht teuerer?

Tatsächlich kostet es mehr für die Städte, keine winterfeste Fahrradinfrastruktur zu bauen. Schon alleine wegen der gesundheitlichen Vorteile, die es hat, wenn die Leute mit dem Fahrrad ganzjährig unterwegs sind. Es wichtig, Wissen und bewährte Verfahren zu teilen, damit die Städte Anfängerfehler vermeiden können. Viele Städte mit Winterbedingungen beginnen mit dem Malen von Radwegen, die die schlechtesten Lösungen darstellen. Wir brauchen eine geschützte Fahrradinfrastruktur, die winterfest ist.

Was war das Ergebnis der letzten Konferenz in Moskau?

Für mich persönlich war der größte Erfolg, dass wir mit der russischen Fahrradszene in Kontakt gekommen sind. Es waren über 90 internationale Gäste dort, und wir haben viele neue Unterstützer gefunden. Auch die Aufmerksamkeit, die die Konferenz erhielt, wird in Russland ein großer Booster sein. In Russland brauchen sie internationale Kontakte und Expertise, um voranzukommen. Wie etwa das Beispiel der Stadt Almatyesk hervorragend zeigt. In Bezug auf die Entwicklung des Radfahrens werden in Russland bald einige große Dinge passieren.

Was ist Deine Vision für die Zukunft des Stadtverkehrs?

Wir denken gerne, dass Technologie unsere Verkehrsprobleme lösen wird. Der Begriff "intelligente Mobilität" ist allgegenwärtig – er wird für vieles missbraucht, wo vielleicht technische Innovation drinnen steckt, aber nicht unbedingt Intelligenz. Intelligente Mobilität bedeutet für mich, sich mit eigener Muskelkraft fortzubewegen. Das ist letztendlich die wirklich schlaue Sache. Dann können wir Technologie hinzufügen, um die Muskelkraft zu unterstützen, wo es notwendig ist. Sobald die Städte die Bedeutung des gesundheitlichen und sozialen Aspekts des Gehens und Radfahrens erkennen, bewegen wir uns in die richtige Richtung. Das ist meine Vision. Jede andere Lösung, die unser Leben "einfacher" macht, indem sie uns zwingt, uns mit externer Kraft fortzubewegen, ist kontraproduktiv. Wir handeln uns damit ernsthafte Probleme in Bezug auf unsere Gesundheit und unseren Lebensstil ein. Dabei kann Verkehr – Radfahren und Zufußgehen – eine wichtige Lösung sein, um Gesundheitsprobleme zu lösen.

Grundsätze ganzjahrestauglicher Infrastruktur

Mich hat natürlich auch interessiert, wie Rad-Infrastruktur aussehen muss, damit sie ganzjahrestauglich wird und auch unter extremen Wetterbedingungen nutzbar bleibt. Die Vorträge der verschiedenen Referentinnen und Referenten sind auf der Seite der letzten Konferenz abrufbar. Ich habe mir die Unterlagen von einigen angesehen und daraus einige Grundsätze extrahiert. Hier eine Liste:

1. Auf der Straße markierte Radstreifen ohne bauliche Trennung sind im Winter zwecklos. Die Routenführung wird bei Schnee oder Matsch unsichtbar.

2. Das ganze Jahr über, aber vor allem im Winter, sind baulich von der Kfz-Fahrbahn getrennte – "geschützte" – Radwege das Mittel der Wahl.

3. Erfolgt bei diesen geschützten Radwegen die Trennung mittels Grünstreifen, kann dort der Schnee gehäuft werden (Praxis in Oulu).

4. Generell ist die Schneeräumung von Radwegen ein Schlüsselfaktor für deren Nutzung im Winter. Als Best-Practise habe es sich bewährt, unterschiedliche Verantwortungen für die Räumung von Kfz- und von Radinfrastruktur zu schaffen, meint etwa Bartek Komorowski von der Velo Quebec Association.

5. Die Räumung der wichtigen Radverbindungen muss Priorität gegenüber Kfz-Fahrbahnen haben (Hier muss man übrigens der Stadt Wien und der Mobilitätsagentur ein Kompliment machen: die Schneeräumung von Radwegen ist meiner Meinung nach inzwischen deutlich besser als noch vor einigen Jahren. Im "Winter-Basis-Netz" 2017/2018 stellt die MA46 dar, welche Radverbindungen als erste vom Schnee geräumt werden.

6. Fahrrad-Unterführungen bei besonders gefährlichen Kreuzungen

Frage an die Leserinnen und Leser

Jetzt meine Fragen an die Leserinnen und Leser: Wie zufrieden seid Ihr mit der Radinfrastruktur in Wien im Winter? Würdet Ihr im Winter häufiger fahren, wenn die Radwege besser wären? Oder steigt ihr ab null Grad ohnehin in die Öffentlichen Verkehrsmittel um?




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-26 12:13:25
Letzte Änderung am 2018-02-26 14:00:33


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