• vom 08.03.2018, 15:35 Uhr

Freitritt

Update: 08.03.2018, 16:24 Uhr

Familien und Fahrrad

Familien auf dem Fahrrad: So wählen sie ihre Wege




  • Artikel
  • Lesenswert (4)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Matthias G. Bernold

  • Freitritt

Virginia Connolly studiert Raumplanung an der TU Wien.

Virginia Connolly studiert Raumplanung an der TU Wien.© privat Virginia Connolly studiert Raumplanung an der TU Wien.© privat

Was wünschen sich Eltern, die mit ihren Kindern im Straßenverkehr unterwegs sind? Soziologin Virginia Connolly hat für ihre Bachelor-Arbeit die Routen-Vorlieben radfahrender Familien untersucht.

"Wiener Zeitung": Du hast für deine Bachelorarbeit das Radfahrverhalten von Eltern untersucht. Was hast du dabei herausgefunden?

Links

    Welche Erfahrungen haben Sie beim Radfahren mit Kindern in der Stadt gemacht? Als wie rücksichtsvoll erleben Sie die anderen Verkehrsteilnehmer? Unternimmt die Stadt genug für radfahrende Familien? Lassen Sie uns wissen: Schreiben sie an
  • leser@wienerzeitung.at
  • oder hinterlassen Sie einen Kommentar!

Virginia Connolly: In aller Kürze zusammengefasst kann man sagen, dass die Gruppe von radfahrenden Familien, so wie Radfahrende allgemein, sehr heterogen ist. Was es schwer macht, für alle Menschen mit Kindern, Routenempfehlungen abzugeben.

Man würde annehmen, die Sorge um die Sicherheit der Kinder führt zu ähnlichen Bedürfnissen. Oder?

Alle wissen um die Fragilität des Rades und klarerweise sorgen sie sich gleichermaßen um die Sicherheit ihrer Kinder. Wie sie damit umgehen, ist aber sehr unterschiedlich. Die eine Gruppe sagt: wir blockieren den Verkehr nicht, wir sind der Verkehr. Dementsprechend selbstbewusst treten sie auf und haben zum Beispiel auch keine Scheu, in der Mitte des Fahrstreifens unterwegs zu sein und genügend Abstand zu parkenden Autos zu halten.

Die andere Gruppe ist deutlich zurückhaltender: Sie fahren nicht immer auf der Fahrbahn und weichen gelegentlich auf den Gehsteig aus. Auf-dem-Gehsteig-Fahren ist für diese Gruppe eine normale Option. Sie sagen dann Dinge wie: "Immer fahre ich nicht auf der Straße, wozu habe ich ein Rad?" Abhängig von dieser Kategorisierung und diesem  Fahrverhalten werden  unterschiedliche Situationen als stressig empfunden und unterschiedliche Wege gewählt.

Wovon hängt es ab, zu welcher dieser Gruppen man zählt?

Das kann ich nicht sagen. Was ich sagen kann ist: Oftmals ziehen sich diese unterschiedlichen Auffassungen quer durch eine Kernfamilie. Auch dort sind sich mitunter nicht alle einig, was sicheres Fahren bedeutet. Ein Vater erzählte mir, dass er bei einem Familienausflug hinter dem Kind sehr mittig auf der Fahrbahn gefahren ist, um enges Überholen zu verhindern. Die Mutter ist vor dem Kind gefahren. Irgendwann ist ein Autofahrer von hinten gekommen und hat – weil er überholen wollte, aber nicht konnte – alle drei angehupt. Für den Vater war sein Verhalten die sicherste Fahrweise, um das Kind zu schützen. Die Mutter hingegen hat gesagt: Wenn wir angehupt werden, sollten wir auf den Gehsteig ausweichen. Es ist ein Konflikt, der natürlich nicht entstehen würde, wenn der Autofahrer in dieser Situation rücksichtsvoller gewesen wäre. Oder wenn es an dieser Stelle einen Radweg gäbe.

Das ist das Trennende. Haben Familien mit Kindern bei der Wegewahl auch Gemeinsamkeiten?

Das Kreuzen von Straßenbahnschienen wird allgemein als besonders unangenehm erlebt. Auch hier sind aber die Konsequenzen aus dieser Wahrnehmung unterschiedliche. Eine Probandin sagte, sie steigt in solchen Situationen ab. Andere wählen eine andere Route. Und wieder andere fahren die Strecke trotzdem.

Vor diesem Hintergrund: Ist es denn überhaupt möglich, Eltern Routenempfehlungen zu geben?

Auf jeden Fall. Nur müssen diese Empfehlungen – etwa bei einer App – individuell angepasst werden können. Entweder über eine sehr komfortorientierte Abfrage, die detailliert nach den Fahrgewohnheiten und Vorlieben frägt. Oder automatisiert: indem die App die gefahrenen Strecken speichert, sich das Fahrverhalten merkt und daraus lernt.

Habt ihr etwas darüber gelernt, wie Eltern die Radinfrastruktur in Wien wahrnehmen?

Es ist deutlich geworden, dass vor allem die Lückenschlüsse ein Problem sind. Vielfach sind Radstrecken inzwischen recht gut ausgebaut. Aber dorthin zu kommen, ist oft schwierig, mühsam oder sogar gefährlich. Verglichen mit der Radinfrastruktur ist die Autoinfrastruktur sehr homogen. Die Verkehrsplanung ist immer noch überwiegend für das Auto optimiert. Mit dem Fahrrad bist du ständig in einer Situation, abwägen zu müssen: Soll es jetzt die schnellere und gefährlichere oder die verlässlichere, aber langsame Route sein? Und auch viele – an sich sichere Strecken – haben dann einzelne, unübersichtliche oder schlecht gelöste Gefahrenpunkte. Das ist natürlich für viele Eltern stressig.

Warum hast du dieses Thema gewählt?

Ich bin selbst eine begeisterte Alltags-Radfahrerin und habe mich während des Studiums bereits früher mit Radbotinnen und –boten beschäftigt. Es hat sich dann so ergeben, dass am Austrian Institute of Technology zu diesem Thema ein Projekt durchgeführt worden ist, das sich mit der Frage beschäftigt, wie man Menschen, die nur wenig im Alltag radeln, den Wiedereinstieg ermöglichen kann. Meine Bachelor-Arbeit sollte in diesem Rahmen Routen evaluieren.

Beschreib uns doch bitte deine Methode beim Forschen.

Wir sind mit einer Mischung aus quantitativen und qualitativen Methoden an die Forschungsfrage herangetreten. Wobei der Fokus auf dem Qualitativen lag. Das heißt wir haben offene Interviews geführt, die unseren Probandinnen und Probanden Anreize geben sollten, dass sie möglichst viel erzählen. Dazu gab es die quantitative Analyse, für die wir gebeten haben, Routen anhand von zehn Eigenschaftsworten zu bewerten. Die Probandinnen und Probanden sind eine Wegstrecke gefahren, für die wir einmal eine komfortorientierte und einmal eine Schnelligkeits-optimierte Route festgelegt haben. Wir die Wege abgefahren, und gleich hinterher gab es das Interview.

Gibt es etwas, das du bei einer Wiederholung des Projektes anders machen würdest?

Das Test-Setting war vielleicht insofern nicht ideal, als die Testpersonen ihren Weg selbst aussuchen konnten. Wir haben das so angelegt, weil wir gedacht haben, dass sie so dem Test eher zustimmen und durch den Test neue Wege kennen lernen, die sie zum Radfahren im Alltag motivieren könnten. Das Problem war, dass vielen Testpersonen der kürzeste Weg bekannt war. Das beeinflusst aber den Test sehr stark. Weil die Menschen dazu neigen, die Route zu wählen, die sie kennen und die sie gewohnt sind. Die Weglänge ist ihnen auch wichtig. Wobei es ganz interessant ist, dass die eigene Wahrnehmung über die Weglänge und die tatsächliche Weglänge deutlich auseinander klaffen. Teilweise war jener Weg, den die Testerinnen und Tester als kürzesten annahmen, in Wirklichkeit deutlich länger. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.





Schlagwörter

Familien und Fahrrad, Eltern

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-08 15:38:44
Letzte Änderung am 2018-03-08 16:24:26


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "oBike"-Leihräder werden massiv reduziert

Werbung







Werbung