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Update: 30.03.2018, 10:03 Uhr

Eltern

Kind bekommen – Radfahrer geblieben




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Von Matthias G. Bernold

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Freitritt - Der Radblog der "Wiener Zeitung".

Freitritt - Der Radblog der "Wiener Zeitung".© Wiener Zeitung Freitritt - Der Radblog der "Wiener Zeitung".© Wiener Zeitung

Mit der Elternschaft wird vieles anders. Das bedeutet nicht unbedingt, dass auf das Fahrrad als Verkehrsmittel verzichtet werden muss. Im Gegenteil: Velophile Mobilität mit Familie sollte freilich besser geplant werden.

Es ist eine ebenso abgedroschene wie wahre Aussage: "Mit einem Kind verändert sich alles." Wie bei allen Bereichen des Lebens gilt das auch für das Radfahren. Gerade war man noch unbeschwert durch die Stadt gesurft, Wind im Haar und die Bewegung genießend. Setzen mit dem Spross im Gepäck ernstere Gedanken ein: Wie soll ich den kleinen Menschen transportieren? Wie soll ich ihn anziehen, damit ihm nicht kalt wird? Wenn ich ihn überreden muss, dass er einen Helm trägt, soll ich dann – der Vorbildwirkung wegen – auch einen aufsetzen?

Zu all diesen Fragen kommt der erhöhte Zeitaufwand. War es früher eine Sache von ein paar Sekunden, das Rad zu schnappen und mich in den Verkehrsalltag zu werfen, ist nun der logistische Aufwand höher. Der kleine Kerl muss in den Anhänger, der Anhänger muss aus dem Kinderwagenraum im Halbstock runter auf die Straße. Das Rad hingegen aus dem Keller geholt werden. Es sind nur wenige Handgriffe und man gewöhnt sich daran: Aber das Ineinanderstecken der Kupplungsteile will gelernt sein. Unter klammen Fingern klemmt mitunter ein Plastikteil. Der Kleine will losfahren und wird ungeduldig. Usw. usf.

Was sich massiv ändert: Der Blick auf Wege und das, was man als angenehm empfindet. War man lange von den Qualitäten der Radinfrastruktur unbeeindruckt – gab es eine brauchbare, gut; gab es die nicht, fuhr man eben auf der Fahrbahn – sieht jetzt die Sache anders aus. Auf einem schmalen Mehrzweckstreifen zwischen potenziell doorend Parkenden auf der einen und stinkend Stauenden auf der anderen Seite: Dort will ich mit Anhänger jetzt nicht mehr fahren. In einer Tempo-30-Zone von einem Rücksichtlosen angehupt werden, der einige Augenblicke nicht überholen kann: unangenehmer als sonst: soll ich ihn zur Rede stellen und mich – mit dem Kind im Anhänger oder Transportrad – auf eine minutenlange und in der Regel fruchtlose Diskussion einlassen? Ihm vielleicht sogar nachfahren und auf das Wagendach klopfen, weil er mich und mein Kind gefährdet?

Die meisten Eltern, die ich kenne, selbst jene, die aus der wilden Welt der Radbotinnen und –boten kommen, sind defensiver als zuvor unterwegs. Sie wählen ihre Routen nach neuen Gesichtspunkten und nehmen für mehr Sicherheitsgefühl und bessere Luft auch Umwege in Kauf. Und sie bemerken plötzlich, wie wichtig die Existenz von hochqualitativer Radinfrastruktur ist.

Damit unsere Kinder von Klein auf die Vorzüge und die Freude kennenlernen, die mit dem Radfahren verbunden sind, braucht es den vernünftigen und unerschütterliche Einsatz für die stete Verbesserung des Wegenetzes und für menschengerechte Straßen.

Lassen wir uns aber vor allen Dingen nicht die Freude am Radfahren verderben. Frühling steht vor der Tür. Es ist bald wieder Zeit für In-der-Wiese-sitzen, für Ausflüge zum Picknicken, für Radreisen mit Zelt und all die guten und schönen Dinge, die in der warmen Jahreszeit besonders viel Spaß machen. Auch mit Kind übrigens. Wollen wir Radfahren, Bub? "Ja, Papa!!! Radfahren!"

Eine Fassung dieses Artikels wurde als Leitartikel in Ausgabe 1/18 des österreichischen Fahrrad-Magazins Drahtesel veröffentlicht.





Schlagwörter

Eltern, Radfahren mit Kind

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-30 08:51:31
Letzte Änderung am 2018-03-30 10:03:54


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