• vom 18.05.2018, 06:43 Uhr

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Update: 24.05.2018, 12:33 Uhr

Test

Irgendetwas zwischen Moped und SUV




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Von Matthias G. Bernold

  • Tern GSD im Test

Robustes Lastenrad mit Falt-Elementen: Das Tern GSD - © Hersteller

Robustes Lastenrad mit Falt-Elementen: Das Tern GSD © Hersteller

Massive Reifen, die mehr an ein Moped als an ein Fahrrad erinnern

Massive Reifen, die mehr an ein Moped als an ein Fahrrad erinnern Massive Reifen, die mehr an ein Moped als an ein Fahrrad erinnern

Tern hat heuer mit dem "Get Stuff Done" (GSD) ein elektrifiziertes Transportrad für Familien und kommerzielle Nutzer auf den Markt gebracht. Ich habe mir das Vehikel genauer angeschaut.

Eine Variante von Transporträdern sind die sogenannten Long Tails, also Fahrräder mit verlängertem Hinterbau, der Raum für größere Packtaschen oder Passagiere bietet. Der Vorteil dieses Bautyps, der – so die Legende – an der Westküste der USA seinen Anfang nahm, wo Surfer ihre Räder umbauten, um damit ihre Bretter zu transportieren, liegt in den Fahreigenschaften: die sind kaum anders als bei gewöhnlichen Fahrrädern und man muss sich – anders als etwa auf einem Lasten-Dreirad oder einem "Long John" – nicht umgewöhnen.

Information

Lastenrad mit Familiensinn, das dem Auto Konkurrenz macht: So positioniert der taiwanesische Hersteller Tern sein jüngstes Produkt, das Tern "Get Stuff Done" GSD
Bosch-Motor und die Möglichkeit, zwei Akkus in Serie zu schalten, sorgen für große Reichweite

Bosch-Motor und die Möglichkeit, zwei Akkus in Serie zu schalten, sorgen für große Reichweite Bosch-Motor und die Möglichkeit, zwei Akkus in Serie zu schalten, sorgen für große Reichweite

Die Dimensionen und das Gewicht der Long Tails bleiben auch relativ im Rahmen, so dass man ein derartiges Transportrad meist noch problemlos in einen Fahrradkeller tragen kann und beim Radständer in der Stadt einfach parken. Die bekannten Marken dieser Radgattung heißen Yuba und Xtra-Cycle. Ihnen will Tern jetzt Konkurrenz machen.

Der Hersteller aus Taiwan, der bisher vor allem für seine Falt- und E-Bikes bekannt war, hat heuer ein neu entwickeltes Long Tail auf den Markt gebracht. Das Tern GSD versteht sich laut Produktbeschreibung als "Compact Utility E-Bike für die ganze Familie" und soll – wie es heißt – zwei Kinder transportieren, für eine Woche Vorrat an Lebensmitteln besorgen, oder eine große Ladung Last aufnehmen können.

Hyraulische Magura-Scheibenbremsen sorgen für prompte Entschleunigung

Hyraulische Magura-Scheibenbremsen sorgen für prompte Entschleunigung Hyraulische Magura-Scheibenbremsen sorgen für prompte Entschleunigung

Soweit der Werbetext. Doch wie sieht es in der Praxis aus?

Tatsächlich verfügt das Gefährt über sehr kompakte Abmessungen und ist insgesamt nur 1,80 Meter lang, also in etwa genauso lang wie ein gewöhnliches Fahrrad. Ohne Extras und Taschen und mit nur einem Akku ist das GSD bereits 27 Kilogramm schwer. Bedenkt man, dass der solide Rahmen aus üppig dimensionierten Alu-Rohren gefertigt und der Gepäckträger bereits in den Rahmen integriert ist, ist das gar nicht einmal so viel. Ausgelegt auf eine Maximallast von 200 Kilogramm haben die Konstrukteure jedes Detail beim GSD auf Robustheit ausgelegt. Auch die überbreiten und verstärkten 20-Zoll-Reifen sollten mit schweren Lasten keine Probleme haben.

Ich nutzte das GSD für eine Wochenend-Ausfahrt nach Aderklaa im Marchfeld, an der nordöstlichen Wiener Stadtgrenze. Ziel: Spargel-Kaufen ab Hof. Die Route führte uns über Prater Hauptallee zur Tangentenbrücke, dort setzten wir aufs andere Donauufer über und folgten Hausfeldstraße, Breitenleer Straße, Telefonweg bis zur Stadtgrenze und weiter nach Aderklaa. Für die Rückfahrt in den 20. Bezirk wählten wir geschotterte Radwege parallel zu Angerner Straße und S2, dann über die Wagramer Straße zur Alte Donau und über den Georg Danzer Steg zurück in die Brigittenau. Insgesamt ein Ausflug von 45 Kilometer Länge.

Gleich vorweg: Die üppige Motorisierung des GSD macht das Radeln auch bei massivem Gegenwind – jeder, der ab und zu diese Strecke fährt, kennt das Problem – zum Kinderspiel. Trotz absolut aufrechter Sitzhaltung zieht dich der Pedelec-Antrieb mühelos durch die Landschaft.

Stichwort Sitzhaltung: Die orientiert sich offenbar an Gelegenheitsfahrern im Stadtverkehr. Dazu passt auch der weich gepolsterte Sattel, der sich die ersten fünf Kilometer sehr bequem anfühlt bis bald die typischen Popo-Schmerzen auftreten, die man von zu weichen Satteln kennt. (Ist aber nicht weiter schlimm. Man kann den Sattel ja gegen etwas Alltagstauglicheres tauschen.)

Nicht lösen lässt sich mein Problem mit der Geometrie. Hier wirkt sich die Kompaktheit des Fahrrades nachteilig aus. Damit der Gepäckträger in dieser Länge ausgeführt werden konnte, schob man Sattel und Lenker – wenn man so will – zusammen, was wie die Verkürzung des Oberrohres wirkt. Zwar sind Sattel und Lenker in der Höhe verstellbar. Größer gewachsene Menschen (ab 1,90 Meter) werden sich dennoch schwer tun, eine aktivere Sitzposition einzunehmen. Für Kurzstrecken ist es natürlich völlig egal.

Ist das Tern GSD reisetauglich?

Stellt sich die Frage, ob das GSD reisetauglich wäre?
Für mich: Nein, was die Sitzposition angeht. Ja, wenn man zur Beantwortung dieser Frage bloß auf Motorisierung und Akku-Leistung abstellt. Der Motor (Bosch Performance, mit einer auf 25 km/h gedrosselten Höchstgeschwindigkeit) bewegt das Vehikel äußerst flott über jede Steigung; auch mit meinem kleinen Sohn und viel Gepäck an Bord. Von daher könnte man auch mit Camping-Ausrüstung eine hügelige Strecke problemlos meistern. Auch ist die Akkuleistung beeindruckend: Die zwei fetten Akkus des Testrades kommen in Summe 900 Wattstunden, die die  Reichweite des Gefährts auf 250 Kilometer pushen sollen.

Eine Woche lang Testen im Stadtgebiet plus die 40 Kilometer-Ausfahrt nach Aderklaa schlugen sich auf dem Ladestandsanzeiger jedenfalls mit nur einem verbrauchten Stricherl nieder. Vier weitere verblieben, so dass ich das GSD in der Testperiode nicht einmal aufladen musste.

Was ist mir noch aufgefallen? Zunächst das Positive:

Die Stärken des Tern GSD

1. Der Spargel war großartig :) Ich erstand weißen, grünen und violetten. Insgesamt drei Kilo. Frisch und gut. Und kann einen Radausflug wie diesen nur jedem Spargel-Liebhaber empfehlen. Faszinierend, um wie viel besser der Spargel schmeckt, wenn er nur einen Tag früher auf den Teller kommt. (Und wenn man weiß, dass man in sozusagen persönlich vom Feld geholt hat.)

2. Handling mit Kind: Wie beschrieben begleitete mich mein eineinhalbjähriger Sohn. Er fühlte sich im Thule Yepp Maxi Kindersitz – vermutlich einer der besten Kinder-Fahrradsitze momentan – sehr wohl und machte die Reise ohne Murren mit. Dazu muss man allerdings sagen, dass er das Radfahren gewöhnt ist. Im Anhänger wie im Bullitt fährt er genauso gern. Allerdings: Auch meine Nichte (drei Jahre alt) ritt hinten auf dem GSD mit. Die wiederum ist nicht ganz so Rad-affin, war vom GSD aber hellauf begeistert.

Was beim Radeln mit Kleinkind wichtig ist: Ein niedriger Schwerpunkt sowie ein exzellenter Hauptständer. Beide Aufgaben werden vom Tern mit Bravour gemeistert. Der Hauptständer (in der Standard-Ausstattung enthalten) ist grundsolide und breit genug, um das Kind ohne mulmiges Gefühl angurten zu können. (Bekanntlich eines der großen Probleme bei der Verwendung von Kindersitzen auf normalen Fahrrädern ist die ständige Angst, das Rad könnte kippen.)

Durch den "langen Hintern" des Fahrrades hat der kleine Passagier viel Freiheit und pickt nicht unmittelbar am Rücken des Chauffeurs. Theoretisch wäre sogar noch genug Platz für einen weiteren Fahrgast auf dem Notsitz. Das offizielle Tern Video zum GSD zeigt auch zwei hintereinander montierte Yepp Kindersitze.

Tern verfügt über viel Erfahrung beim Konstruieren von Falträdern. Die Räder zeichnen sich generell durch einfache Bedienung, hohe Stabilität und Funktionalität aus. Für das GSD hat Tern einige Falt-Elemente übernommen, damit das Transportrad etwas leichter transportiert werden kann. So ist etwa der Lenker klappbar, was auch das Lagern des Rades vereinfachen soll. (In den Kofferraum eines normalen Pkw passt es freilich auch mit eingeklapptem Lenker nicht, aber beim Verstauen in der Garage nimmt es so weniger Platz ein. Wer einen Kombi oder Bus besitzt, kann das GSD ohne Probleme darin mitnehmen.)

3. Reichweite: Die Dual-Battery-Technologie von Bosch, mit deren Hilfe zwei Akkus hintereinander geschaltet werden können, ermöglicht eine Reichweite von 250 Kilometern. Damit erweitert sich der Einsatzbereich des GSD vom reinen Stadtgefährt hin zu einem reisetauglichen Vehikel.

4. Qualität der Ausstattung: Generell ist die Ausstattung des Fahrrades – wie von Tern gewohnt – sehr großzügig. Die verwendeten Komponenten sind durchwegs von hoher Qualität: Schaltung (Shimano Deore, 1 x 10 Speed),  hydraulische Bremsen (Magura MT5, 180 mm Scheiben) und Lichtanlage sind erstklassig.

Kommen wir zu den Minus-Punkten

Die Schwächen des Tern GSD

Das hohe Gewicht: Einmal in Bewegung fährt sich das GSD dank des Pedelec-Antriebs überaus agil. Mit einem Gewicht von mehr als 30 Kilogramm, wenn zwei Akkus und die Taschen montiert sind, ändert sich das natürlich, sobald – aus welchem Grund auch immer – der Elektroantrieb ausfallen sollte. Ein Bewegen des Gefährts aus reiner Muskelkraft wird dann zur Tortur. Dafür ist das GSD – so wie ich das einschätze – auch nicht ausgelegt.

Schwerwiegend – im wahrsten Sinn des Wortes – wirkt sich das Gewicht beim Hantieren aus. Hier wieder meine subjektive Sicht: In meinem Haus müssen acht Stufen bewältigt werden, um in den  Radkeller zu gelangen. Wenn ich mein Bullitt rein und raus bewege, nutze ich dazu eine Rampe, mit der das Hantieren relativ mühelos gelingt. Mit dem GSD – das immerhin ein Drittel schwerer als das stromlose Bullitt ist – sieht die Sache anders aus. Beim Hinaufschieben ist es bloß anstrengend, hinunter ist es richtig nervenaufreibend. Die lose Planke, die ich als Rampe nutze, ist viel zu glatt und zu steil. Hier müsste ich, wollte ich das GSD ständig nutzen, eine bessere Steighilfe bauen.

Vor der Anschaffung: Abstellfrage mitbedenken

Wer mit dem Gedanken spielt, ein Transportfahrrad anzuschaffen, muss daher unbedingt die Platz- und Abstellfrage mitbedenken. Über Nacht auf der Straße stehen lassen, ist bei einem Fahrrad dieser Preisklasse sicher keine Option.

Noch ein Nachteil: Wie der Praxistest zeigt, ist die zeitgleiche Verwendung von Kindersitz und von großen Packtaschen de facto nicht möglich. Das liegt an der (gesetzlich vorgeschriebenen) Bauart des Sitzes, dessen Fußteile links und rechts vom Gepäckträger hinunter ragen. Dort liegen sie aber genau über den Packtaschen, die dann nicht mehr geöffnet oder geschlossen werden können. Somit steht man vor der wunderlichen Situation, zwar über großvolumige Taschen (je 61 Liter Fassungsvermögen) zu verfügen, die theoretisch jeden Großeinkauf fassen. Hat man aber ein Kind im Kindersitz dabei, gelingt es kaum, drei Stangen Spargel in die Taschen zu schieben. Sein Versprechen, dass das GSD dafür gut sei, Wocheneinkauf und Kinder zu transportieren, hat Tern also gehalten. Allerdings mit der Einschränkung, dass man sich zwischen Kindern und Einkäufen entscheiden muss. Beides zugleich geht leider nicht.

Fairerweise muss man sagen: Das selbe Problem zeigt sich auch bei den Longtail-Rädern anderer Hersteller. Ärgerlich ist es allemal.

Preis: Knapp 4.000 Euro kostet das Tern in der Basis-Version (mit einem 500 WH-Akku, ohne Kindersitz und ohne Taschen). Damit spielt das GSD in der selben Liga wie der Edgerunner von Xtracycle (hier kostet die elektrifizierte Basisversion laut Website 4.700 US-Dollar) und das Spicy Curry von Yuba (ebenfalls mit Bosch-Motor ausgestattet und ab 4.199 € erhältlich. Wichtig bei allen Herstellern: Die Extras (Kindersitze, Front-Gepäckträger, Taschen, usw.) können auch noch ordentlich ins Geld gehen. Für einen starken Bosch-Extra-Akku zum Beispiel sind gleich einmal 759 Euro fällig.

Wem das im Vergleich zu einem normalen Fahrrad teuer vorkommt, der vergleicht vermutlich mit dem falschen Produkt: Nicht anderen Fahrrädern will man mit Produkten wie dem GSD den Rang ablaufen, sondern Automobilen. Und hier schneidet ein Elektro-Fahrrad bei den Anschaffungs- wie bei den laufenden Kosten natürlich deutlich günstiger ab.

Fazit

Was uns zum Fazit bringt:

Aus meiner persönlichen Sicht als Radfahrer, konnte ich mich mit dem GSD nicht wirklich anfreunden. Zu unsportlich und schwerfällig nehme ich es im Alltagsverkehr wahr. Der leistungsstarke Pedelec-Antrieb verdirbt mir – und das ist lediglich meine persönliche Meinung – die Freude am Radfahren. Ich mag es nämlich durchaus, wenn ich mich auf meinen Alltagswegen hin und wieder anstrengen muss. Auf diese Weise integriere ich Bewegung und Sport in mein Leben.

Würde ich auf der Hohen Warte wohnen und Kind plus Einkäufe täglich den Berg hinauf transportieren müssen, sähe meine Einschätzung anders aus. Freilich müsste man dann das Problem mit der mangelhaften Integration von Kindersitz und Packtaschen lösen. Vielleicht einfach nicht die übergroßen dranhängen, sondern Ortliebs in der Standardgröße…

Um das ganze jetzt auf eine allgemeinere Ebene zu heben: Tern ist grundsätzlich zum Versuch zu gratulieren, ein neuartiges Mobilitätsinstrument zu schaffen, das dem Automobil als Familienfahrzeug Konkurrenz macht. Als eine Art "stromgetriebenes Familienmoped" hat es durchaus seine Berechtigung. Mit derartigen einspurigen SUVs ist man auf Radwegen unterwegs, nutzt die Vorteile eines Fahrrades bei erhöhter Reichweite und Transportkapazität. Mein Tipp: Unbedingt vor dem Kauf Probefahren…

Das Testfahrrad wurde uns von der Stuttgarter PR-Agentur InMotion Mar, die für Tern den deutschsprachigen Markt betreut, eine Woche lang zur Verfügung gestellt.





Schlagwörter

Test, tern, GSD

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-18 06:46:06
Letzte Änderung am 2018-05-24 12:33:44


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