• vom 16.07.2018, 10:52 Uhr

Freitritt

Update: 16.07.2018, 12:01 Uhr

Radreise

Drautalradweg mit kleinem Passagier




  • Artikel
  • Lesenswert (9)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Matthias G. Bernold

  • Freitritt
  • Das Setup für eine Camping-Radreise mit Kleinkind ist ungleich aufwändiger als für eine schnelle Spritztour.

Mit unserem kleinen Sohn begaben wir uns auf Radreise entlang der Drau. Gleich vorab sei gesagt: Ohne Improvisation und gute Nerven geht da gar nichts.

Trotz Maximalgepäck war die Radmitnahme bei der Fahrt von Wien nach Lienz kein Problem

© M. Bernold © M. Bernold

Der Drau-Radweg, der sich über 510 Kilometer vom Ursprung des Flusses in Südtirol, durch Osttirol, Kärnten und bis zur slowenisch-kroatischen Grenze erstreckt, gilt als einer der familienfreundlichsten und angenehmsten in Europa. Die Anreise von Wien aus erfolgt bequem mit dem Zug – am besten über Lienz. Entlang dieser Strecke statten die ÖBB ihre Züge häufig mit Fahrrad-Wagons aus, es ist daher für die Fahrrad-Mitnahme in der Regel ausreichend Platz. (Reservierung ist natürlich dennoch notwendig.)

Ausgezeichnet vom deutschen ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad Club) mit der Höchstwertung von fünf Sternen, verläuft der Radweg – zumindest im italienischen und österreichischen Abschnitt weitgehend verkehrsberuhigt auf perfekt gepflegten Radwegen oder kleinen Nebenstraßen. Zudem ist die Infrastruktur exzellent: Camping-Plätze, Radfahrer-freundliche Gasthöfe und kindergerechte Attraktionen wie Wichtelparks, Erlebnisbäder und Streichelzoos säumen den Weg. Im Kärntner Seenland gibt es dazu noch ausreichend Gelegenheit, die Nacht an einem See zu verbringen: Labsal nach einem anstrengenden Tag auf dem Fahrrad.

Links

Von Lienz flussaufwärts bis nach Toblach

© M. Bernold © M. Bernold

Das ist die Theorie: Die Praxis für uns sah etwas anders aus.

Was allerdings weniger am Radweg, sondern am Wetter und an der etwas chaotischen Planung lag. Aber beginnen wir ganz am Anfang:

Das Setup für eine Camping-Radreise mit Kleinkind ist ungleich aufwändiger als für eine schnelle Spritztour mit zwei Rennradfreunden nach Berlin mit Windjacke und Kreditkarte als Gepäck. Radreisen mit Familie erfordert statt Bikepacking-Minimalismus geräumige Radtaschen und klassische Packelträger.

Wer zum ersten Mal eine Radreise mit Kind unternimmt, wird anfänglich erschlagen von der Komplexität des Unterfangens. Es ist schier unglaublich, was ein kleiner Mensch von knapp zwei Jahren alles braucht. Oder besser: Was Eltern glauben, mitnehmen zu müssen. Windeln, Feuchttücher, Schlafsack, Essen, Kleidung, Hut, Haube, Sonnencreme, Spielzeug, Stofftiere. Die vielen Gegenstände erfordern vor allem auch gute Organisation und Planung: Wo in welcher Tasche steckt jetzt die Zahnbürste? Wo der kleine Hase? Wo das Kettenöl?

Zahlreiche überdachte Rastplätze am Drauradweg

Zahlreiche überdachte Rastplätze am Drauradweg© Matthias Bernold Zahlreiche überdachte Rastplätze am Drauradweg© Matthias Bernold

Hier bewähren sich detaillierte Packlisten mit klar definierten Plätzen zum Verstauen. (Das hat auch den Vorteil, dass nicht nur eine Person weiß, wo alles steckt. Was die Zahl der Wo-ist-nochmal-das-Dings?-Fragen reduziert, was wiederum der Beziehungspflege enorm dienlich ist.)

Das ganze Prozedere dauerte auch wesentlich länger als wir von früheren Radreisen gewohnt waren. Mit dem Effekt, dass wir – natürlich war es uns nicht gelungen, schon am Vortag alles gepackt zu haben – am Abreisetag ziemlich in Stress gerieten.

Regenidyll am Toblacher See (Lago di Dobbiaco)

© M. Bernold © M. Bernold

Es galt den Zug nach Lienz zu erwischen, der vom Hauptbahnhof fünf Minuten vor 9 Uhr abfährt. Tatsächlich gelang es uns zwar, um 8:15 Uhr die Wohnung zu verlassen. Normalerweise kein Problem: Vom 20. Bezirk zum Bahnhof ist man am Wochenende in längstens 25 Minuten. Mit dem ganzen Gepäck und dem vollgestopften Anhänger dauerte es dann allerdings länger. Wir schafften es zehn Minuten vor Abfahrt zum Bahnhof. Sollte sich ausgehen, dachten wir.

Dann: Abkoppeln des Anhängers, um den Lift zum Bahnsteig zu nehmen. Da sich unsere gesamte Fahrzeugflotte nicht auf einmal ausgegangen wäre, fahre ich schon einmal mit dem Aufzug vor, um den Fahrrad-Wagon zu suchen. Dort angekommen hilft mir der freundliche Schaffner, mein Rad plus Gepäck in den Wagon zu heben. Danach laufe ich zurück zum Lift, um Frau und Kind zu holen.

Vorteile der Vorsaison: Die Lagerwiese am Tristacher See ist so gut wie leer

Vorteile der Vorsaison: Die Lagerwiese am Tristacher See ist so gut wie leer© M. Bernold Vorteile der Vorsaison: Die Lagerwiese am Tristacher See ist so gut wie leer© M. Bernold

Mit Entsetzen stelle ich jedoch fest, dass die nicht mehr dort sind. Bis ich wieder oben bei den Gleisen bin, vergeht eine Ewigkeit. Oben angekommen, setzt sich der Zug gerade in Bewegung. Mit an Bord – wie ich annehmen muss – mein Rad, mein Gepäck, mein Mobiltelefon, mein Geld, mein Pass, meine Schlüssel. Wahrscheinlich auch Frau und Kind.

Am Bahnsteig zu sehen, sind sie jedenfalls nicht. Während ich mögliche nächste Schritte durchdenke und mir überlege, wie ich jetzt mit Frau und/oder Zug-Personal Kontakt aufnehmen könnte, sehe ich ganz, ganz hinten am Bahnsteig ein Fahrrad liegen. Mein Fahrrad.

Hier kocht das Abendessen

© M. Bernold © M. Bernold

Rund herum: Radtaschen. Mein ganzes Zeug also. Als ich mich weiter nähere, sehe ich auch meine Familie wieder. Sie waren – von mir unbemerkt – auf den Bahnsteig gelangt, hatten den Zug aber ebenfalls verpasst. Jetzt stehen sie – ähnlich ratlos wie ich – herum.

Glücklich wieder vereint also. Ein Dank an dieser Stelle dem freundlichen Schaffner, der den Tag rettete, indem er mein Rad und das Gepäck wieder auslud!

Ein Check beim ÖBB-Schalter ergab: keine weitere Fahrt mit Rädern an diesem Tag zu bekommen. Aber am darauffolgenden Tag, dem Sonntag, um die selbe Zeit war noch ein Zug und Fahrrad-Plätze frei.

Zweiter Versuch

Beim zweiten Versuch klappte es dann deutlich besser. Pünktlich saßen wir im Zug Richtung Südwesten. Sogar Proviant hatten wir eingekauft. Den Anhänger – mit abmontierten Rädern und Griff – hatten wir in den Großraumwagen mitgenommen. (Ein großer Vorteil übrigens, weil sich unser Sohn irgendwann dorthin zum Schlafen zurückzog.)

Einen Nachteil hatte die sonntägliche Zugverbindung: Der Anschlusszug von Lienz nach Toblach nahm keine Räder mit. Jetzt standen uns zwei Alternativen zur Verfügung: Zwei Stunden auf den nächsten Regionalexpress warten oder gleich Richtung Westen losradeln. Nach sechs Stunden Sitzen bereits kribbelig, entschieden wir uns fürs Losradeln. Nachteil: Hatten wir ursprünglich geplant von Toblach flussabwärts zu fahren, mussten wir nun den Weg gegen das Gefälle zurücklegen.

Auch mit viel Gepäck sind die Steigungen allerdings bewältigbar – allerdings reduziert sich die Reichweite. Zu unserem Vorteil wirkte sich die Wetterlage aus. Der Nieselregen sorgte für beständige Kühlung.

Womit wir beim Wetter wären. Es war uns gelungen, die unbeständigste Juni-Woche für unser Rad-Abenteuer auszusuchen. Die ersten vier Tage regnete es jeden Tag. Anfangs bloß Regenschauer und heftige Gewitter jeweils zwischen 17 Uhr und 20 Uhr. Am dritten und vierten Tag folgte Starkregen, und zwar ohne Unterlass. Für uns bedeutete das: Programm anpassen: Statt Radreise mit täglichem Ortswechsel setzten wir auf einen stationäreren Urlaubsverlauf. Machten einen Trip mit Gondelbahnfahrt auf den Gipfel des Helm (Startpunkt: Versciaco di Sopra, Obervierschach), wo die Fremdenverkehrsbetriebe dort mit "Olpers Bergwelt" einen aufwändigen Naturpark für Familien angelegt haben. Mein persönliches Highlight dort: ein 1,5 Kilometer langer Barfuß-Wanderweg. Olperl.com

Nach zwei Nächten im Zelt auf dem ebenso familiären wie empfehlenswerten Camping-Platz in Tassenbach, radelten wir nach Toblach weiter, wo wir uns in einem Gasthof einquartierten. Dort unternahmen wir Regenspaziergänge und kleine Radtouren in die Umgebung. Etwa zum Toblacher See. Das Zelt hing derweil im Bad zum Trocknen.

Am fünften Tag radelten wir – wie ursprünglich geplant – die Drau flussabwärts. Die Reisegeschwindigkeit erhöhte sich dadurch beträchtlich. Am Tristacher-See, sechs Kilometer südöstlich von Lienz schlugen wir unser Zelt auf.

An dieser Stelle sei eines Warnung ausgesprochen: Der See ist zwar wunderschön gelegen, und der Campingplatz gerade in der Vorsaison ein richtiges Idyll. Nur der Anstieg mit schwer bepackten Reiserädern ist kein Vergnügen. Die letzten drei Kilometer mussten wir die Räder zum auf 800 Meter Seehöhe gelegenen Campingplatz schieben. Selbst das Schieben stellte unsere Kondition auf eine Probe. Verschärft wurde die Situation einerseits durch Seniorengruppen auf E-Mountainbikes, die kichernd an uns vorbei zogen.

Außerdem beschloss unser kleiner Passagier an diesem Tag, den gutmütigen Abschnitt seines Kleinkind-Lebens zu beschließen und in die Trotzphase einzutreten. Will heißen: Der Fahrrad-Anhänger, in dem er schon so viele zufriedene Stunden verbracht und viele Kilometer zurückgelegt hatte, war nun völlig inakzeptabel geworden. So dass er uns dazu zwang, im Fünf-Minuten-Takt stehen zu bleiben und längere Pausen einzulegen.

Während die Sonne hinter den Dolomiten unterging und wir mit Blick auf den See unser Abendessen verzehrten, beschlossen wir, den Aufenthalt hier zum Schlusspunkt unserer Reise zu machen. Der Kleine hatte inzwischen wieder gute Laune, lief mit der Wickeltasche in der Hand über die leere Zeltwiese. Er gehe jetzt einkaufen, erklärte er glücklich. In der Früh würden wir wieder ins kalte Seewasser tauchen und einfach gar nichts tun. Der Rest des Drauradwegs auf einen anderen Anlass warten mpssen.

Am siebten Tag fuhren wir nach Lienz und von dort mit dem Zug wieder nach Wien zurück. Deutlich besser organisiert als bei der Hinfahrt übrigens: Wir erwischten auf Anhieb den richtigen Zug. Wenn das kein Lernerfolg ist…

Hier unsere Packliste:

Zwei Reiseräder, beide mit Anhängerkupplung ausgestattet
Kinderanhänger (Chariot CX1)
Sechs Packtaschen (Ortlieb und Deuter),
Zwei Lenkertaschen (Geld, Handy, Snacks, Erste-Hilfe-Kit)
Eine Satteltasche (Werkzeug und Schläuche)

Zwei-Personen-Tunnelzelt
Zeltunterlage
Drei Schlafsäcke
Zwei Isomatten
Wolldecke

Campingkocher
Gaskartusche
Geschirr-Set (Topf, zwei Becher, drei Alu-Teller)
Gabeln und Löffel
Leatherman
Kleines Schneidbrett
Stirnleuchte
Messer

Windeln
Feuchttücher
Windelwechselunterlage
Pflegecreme

Stofftier (Maus)
Pixie-Bücher und das Kleine Ich-bin-Ich (Reise-Edition)
Kleiner Ball
Bagger

Sonnencreme
Taschentücher
Erste Hilfe-Kit mit lustigen Pflastern
Wasch- und Zahnputzeug
Handtücher

Regenjacke / Pelerine
Fahrradhosen
Kurze Hosen
Lange Hosen
Trikot / Wanderleibchen
Unterwäsche
Warme Weste
Haube
Halstuch
Handschuhe
Schlapfen





Schlagwörter

Radreise

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-16 10:53:35
Letzte Änderung am 2018-07-16 12:01:59


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "oBike"-Leihräder werden massiv reduziert

Werbung



Schlagwörter






Werbung