• vom 20.07.2018, 09:52 Uhr

Freitritt

Update: 21.07.2018, 19:23 Uhr

Ghisallo: Sehnsucht nach italienischen Rädern und Pasta




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Von Matthias G. Bernold

Livia Palffy in ihrem Radshop / Restaurant

Livia Palffy in ihrem Radshop / Restaurant

Seit Ende 2016 betreibt die gebürtige Salzburgerin Livia Palffy in der Wiener Schönbrunner Straße "Ghisallo" – einen Hybrid aus Restaurant und Rennrad-Shop. Sowohl bei den Speisen wie bei den Rädern setzt die gelernte Tapeziererin auf Qualität mit italophilem Einschlag. Im Interview mit Freitritt, dem Radblog der "Wiener Zeitung", spricht sie über die Ästhetik des Rennradfahrens, über neue Statussymbole und teilt mit uns ihre nüchterne Einschätzung, wonach fancy Radshops wenig zur Verkehrswende beitragen.

"Wiener Zeitung": Wenn man sich bei dir im Shop umschaut, fällt einem die Dichte an edlen Fahrräder auf. Das sind lauter teure Stücke oder?

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Livia Palffy: Das ist nur der erste Eindruck. Ich bin auf italienische Hersteller wie Pinarello, Colnago, Wilier und Bianchi spezialisiert, und die können auch sehr viel Geld kosten. Aber ich achte darauf, dass auch Einsteiger etwas  finden.

Was kostet dein billigstes Fahrrad?

Die günstigsten Rennräder beginnen bei 1.300 Euro. Ein Einsteigermodell mit Alu-Rahmen. Man muss ja nicht mit einem Carbon-Rahmen beginnen.

Fühlst du dich eher als Fahrrad-Shop-Betreiberin oder als Gastronomin?

Ich weiß nicht, warum das jeder immer trennen möchte. Ich bin wirklich beides. Vom Herzen bin ich wahrscheinlich mehr die Gastgeberin. Ich komme nicht aus dem Profisport, sondern aus dem Handel. Ich sage allerdings immer: wenn man gerne verkauft, dann ist es fast egal was, solange man hinter dem Produkt steht. Für mich ist es wirklich die Fusion, die den Reiz ausmacht. Allerdings bemerke ich, dass ich das Konzept öfter erklären muss, als ich ursprünglich dachte. Manche Leute glauben, sie müssten erst ein Rad kaufen, um hier zu essen. Oder hier essen, um ein Rad zu kaufen.

Aber nichts ist zwingend…

Radfahrer und Nicht-Radfahrer dürfen zum Essen kommen. Beides ist möglich (lacht).

Erzähl mir doch bitte, welche Schritte zur Eröffnung von Ghisallo geführt haben!

Wie viele Menschen habe auch ich davon geträumt, ein eigenes Restaurant zu haben. Vor fünf Jahren begann es mit der Idee, ein Take-Away mit gesunden Gerichten zu machen. Mit einem Business-Plan in der Tasche habe ich begonnen, nach passenden Lokalen zu suchen. Letztlich ist die Idee am fehlenden Geld gescheitert. Dann bin ich aufs Rennrad gekommen. Habe mir gedacht: Warum nicht auch in Wien ein Restaurant starten, in Kombination mit einem Rennradshop als Unique Selling Proposition. Während ich diese Idee hatte, kamen dann schon andere Leute wie das Radlager in der Operngasse oder das VeloBiz mit ähnlichen Konzepten: Für mich war das eine Bestätigung, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

In Zeiten von Online-Handel: Ist es nicht fast anachronistisch ein klassisches Geschäft aufzusperren?

Um das zu machen was ich hier mache, muss man ein bisschen verrückt sein. Ich selber bin eine obsessive Im-Geschäft-Käuferin. Wenn ich shoppen gehe, dann in der "realen" Welt. Meiner Erfahrung nach sind die Leute gespalten: Die eine Hälfte kauft fast nur noch online. Die andere will die Produkte angreifen, in Wirklichkeit sehen und – wenn möglich – ausprobieren. Das vielleicht wichtigste ist die Kommunikation. Nur in einem "realen" Lokal können die Menschen miteinander reden. Da ist natürlich auch die Kombination von Gastro und Shop ideal. Von deiner letzten Ausfahrt bei Sturm und Wetter kannst du deinem Computer nicht erzählen.

Es muss einem freilich auch liegen, jeden Tag in zahlreiche Gespräche verwickelt zu werden…

Deswegen mach ich so etwas ja auch. Ich lasse mir gerne etwas erzählen und lerne dazu.

Erzähl uns doch ein bisschen mehr von deinem Werdegang!

Mein Werdegang ist sehr bunt, weil ich immer sehr neugierig war und vieles ausprobiert habe. Nach der klassischen Schullaufbahn mit Gymnasium in Salzburg wollte ich ursprünglich Philosophie studieren. Dann habe ich mir überlegt, dass ich – wenn ich nicht gerade eine große Philosophin werde – vermutlich Schwierigkeiten haben würde, meine Miete zu bezahlen. Da hab ich beschlossen, zuerst etwas Bodenständiges zu tun. Ich habe eine Lehre als Möbel-Tapeziererin begonnen. Dort hatte ich den besten und strengsten Lehrherrn, den man sich nur wünschen kann. Bei ihm habe ich arbeiten, durchhalten und weinen gelernt. Und dass man immer weitermacht, anstatt aufzugeben.

Und nach der Lehre?

Bin ich nach England gegangen. Weil ich möglichst weit weg wollte von Salzburg und von zuhause. In London habe ich eine Schule für Interior Design besucht und relativ schnell einen Job als Inneneinrichterin bekommen. Nach zwei Jahren ging ich zurück, um in Wien als Tapeziererin weiterzumachen und die Meisterprüfung nachzuholen. Danach musste ich wieder weg: Zwei Jahre Berlin, wo ich als Einrichtungsberaterin für ein Start-up gearbeitet habe. Dort habe ich zum ersten Mal mitbekommen, was es bedeutet, eine Firma von der Pike aufzubauen. Gute Ideen haben viele. Aber die auch umzusetzen und zu leben, steht auf einem anderen Blatt. Als ich nach Wien zurückgekommen bin, habe ich wieder in der Einrichtungsfirma im Ersten angefangen. Wusste aber, das würde ein vorübergehendes Projekt sein. Ich bin Mutter geworden und habe bald verstanden, dass Mutter und Einzelhandel nicht wirklich kompatibel sind. Jetzt mache ich die schlimmste Kombination: nämlich Gastronomie und Mutter. Meine Tochter ist allerdings inzwischen dreizehn, da funktioniert es ein bisschen einfacher.

Von der Inneneinrichterin zur Wirtin ist ein ziemlicher Sprung…

Außer privat habe ich mit der Gastronomie zuvor zwar nichts zu tun gehabt. Ich hatte allerdings immer gerne Gäste, habe immer gerne gekocht und Leute eingeladen. Ich habe dann nach Berlin für eine israelische Firma Kräuter aus Israel nach Österreich importiert. Habe dabei den ganzen Importexport kennengelernt. Lauter kleine Schritte, über die ich gelernt habe, wie es mit der Selbstständigkeit funktionieren kann.

Wie bist du aufs Rad gekommen?

Ich komme aus Salzburg, wo ich als Kind im Winter wie im Sommer mit dem Rad unterwegs war. Irgendwann hat es sich ergeben, dass ich in die Organisation der Peakbreak - einer Rennrad-Veranstaltungen in den Alpen – eingebunden war.

Das ist wieder ein ganz großer Sprung von den importierten Kräutern zu den Rennrad-Rennen …

Wenn ich meine Tochter heute fragt, was soll ich werden habe ich keine Antwort. Auch bei mir hat es sich einfach so ergeben. Wenn man mir vor 20 Jahren vorhergesagt hätte, dass ich einmal Fahrräder verkaufen würde, hätte ich gelacht.

Wann hast du selbst mit dem Rennradfahren begonnen?

Vor sechs Jahren. Ohne Anspruch, bei Wettbewerben mitzufahren. Ich komme aus den Bergen, bin eine gute Bergauffahrerin, aber  eine schlechte Bergabfahrerin.

Was fasziniert dich am Rennradeln?

Abgesehen vom Bewegungs- und Gesundheitsaspekt die Geschwindigkeit,  aber auch die Ästhetik. Wenn es heißt, die Rennradler sind immer so gestylt, denke ich mir: na und? Golfer sind es auch. Radfahren hat sehr viel mit Leidenschaft zu tun. Ich war einmal beim Giro vor Ort. Es ist pure Emotion. Nachdem ich selbst auch pure Emotion bin, war es für mich total stimmig. Ich esse gerne, ich lebe gerne. Ich esse gerne gut und trinke gerne guten Kaffee. All das passt für mich zum Rennrad und erinnert mich an Italien. Dass der Expresso bei mir im Lokal an der Bar einen Euro kostet, ist eine Reminiszenz an dieses Land.

Würdest du sagen, dass du mit der Sehnsucht nach Italien Handel treibst?

Ich behaupte jedenfalls, dass alle Österreicher, die bis 1975 geboren wurden, sehr positive Erinnerungen an Italien haben. Wir denken an unsere Kindheit. An das erste Eis in Udine, ein schickes Leibchen bei Benetton. Wer etwas später geboren ist, kann sich das vielleicht nicht mehr vorstellen. Aber Italien bedeutet für mich eine bestimmte Romantik. Noch dazu habe ich einen italienischen Vornamen (lacht)…

Die "Süddeutsche Zeitung" hat vor einiger Zeit eine große Geschichte über neue Statussymbole gebracht. Die These war: Autos, Pelze, Schmuck oder Uhren taugen nicht mehr zum Statussymbol. Stattdessen würden Gebrauchsgegenstände wie Fahrräder die neuen Statussymbole. Stimmst du dieser These zu?

Definitiv ja. Vorreiter dieses Trends ist London. Ein Freund und Radfahrer aus England hat mir gegenüber einmal behauptet, es sei heute uncool, mit einem Asten Martin beim Meeting vorzufahren. Stattdessen fährt man mit dem Pinarello F10. Der Trend geht soweit, dass sich die Mode dem Radfahren angepasst hat. So dass man mit Fahrrad-Kleidung ins Business-Meeting gehen kann. Ich finde das eine sehr spannende Entwicklung.

Worauf führst du diese Entwicklung zurück?

Umweltbewusstsein wird eine Rolle spielen. Das zweite ist die Gesundheit. Und das dritte ist der Platz: wenn jeder ein Auto hätte, würde die Stadt nur noch aus Blech bestehen. Wir stünden nur noch im Stau.

Glaubst du, dass Shops wie Ghisallo dazu beitragen können, das Verkehrsverhalten der Menschen zu ändern?

Nein. Ich würde gerne ja drauf sagen, aber das wäre einfach nicht aufrichtig. Das ist aber gar nicht mein vordergründiges Ziel. Ich möchte das die Menschen – egal ob sie an der Bar einen Espresso trinken oder ein schönes Fahrrad oder Trikot kaufen – bei mir eine gute Zeit haben. Mein Anspruch ist, dass sie mit einem Smiley rausgehen.

Frage an die Leserinnen und Leser

Frage an die Leserinnen und Leser: Wie steht ihr zu Edel-Fahrrädern und Rennrad-Boom? Teilt ihr Livia Palffys Einschätzung, wonach  edle Radshops die Verkehrswende gar nicht oder nur wenig beeinflussen?




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-20 09:54:32
Letzte Änderung am 2018-07-21 19:23:02


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